Aufsatz 
In den Straßen des alten Rom / H. W. Stoll
Entstehung
Einzelbild herunterladen

15

Opferſchalen und ſucht, ob keine von der kunſtvollen Hand des Mentor dabei iſt, zählt die grünen Edelſteine in dem goldenen Geſchmeide und die Perlen eines Ohrgehänges. Auf jedem Tiſche ſucht er nach ächtem Sardonyr und handelt um große Jaspisſtücke. Endlich in der elften Stunde iſt er müde, er kauft zwei ſchlechte Becher aus Thon für ein kupfernes As und ſteckt ſie zu ſich, um ſie ſelbſt nach Hauſe zu tragen; denn einen Sclaven kann er ſich nicht halten, dazu iſt er zu arm. Mancher auf ſeinen Reichthum ſtolze, aufgeblaſene Kaufmann ſieht ihm mit Aerger und mit Lachen nach.

In den Säulengängen des Campus Martius wandelt ein Flor von Damen. Sie tragen Friſuren von allerlei Formen, ächte und falſche, und ebenſo verſchieden iſt ihre Kleidung in Schnitt und Farbe. Aber die vornehmen römiſchen Matronen findet man gleich heraus; ſie gehen nur in weißer Kleidung, und man ſieht faſt nichts von ihrem Körper als das Geſicht. Bis auf die Füße reicht die Stola, eine Tunika mit halben Aermeln, am unteren Rande mit feinem Beſatz verſehen und in der Taille gegürtet; darüber iſt die Palla, ein weites viereckiges Tuch, in ſchönen Falten umgelegt. Doch auch unter den anders gekleideten Damen mag manche verheirathete römiſche Frau ſein; denn ſeit den erſten Kaiſern begannen dieſe zum Theil die Stola und die Palla abzulegen und mit größerer Freiheit nach eigenem Geſchmack ſich zu kleiden. Viele ſtutzerhafte junge Leute treiben ſich unter den Damen umher und machen hier und da den Hof. Sie haben ihre Haare in zierliche Locken gelegt und kokettiren mit dem fein gepflegten Bart, ſie riechen nach Balſam oder nach Zimmtöl, und mancher hat eine Gewürzmorſelle im Mund, um den Athem wohlriechend zu machen. Der da, ein ächter Weichling, hält darauf, daß ſeine Haut ſo weich und zart und glänzend iſt, wie die eines Weibes; kein Härchen ſieht man auf ſeinen Armen und in ſeinem Geſicht. Er hat die Haut ſich mit Bimsſtein abgerieben und trägt, wie ſo viele, ſtets ein Spiegelchen und ein Zängelchen bei ſich, um jedes mißliebige Härchen ſich auszurupfen. In der Unter⸗ haltung mit den Damen flüſtert er nur mit ſchwacher Stimme und lispelnder Zunge. Geht er einmal für ſich allein, ſo trillert er ägyptiſche und ſpaniſche Lieder von gar verliebtem Inhalt. Mit goldenen Ringen treiben Herrn und Damen einen großen Luxus. Da geht einer in tyriſchem Purpurkleid er war früher ein Sclav aus Aegypten und iſt jetzt römiſcher Ritter der trägt ſechs ſchwere Goldringe mit Gdelſteinen an ſeinen Fingern, und er legt ſie, wie mir die Leute ſagen, nie ab, weder bei Tag noch bei Nacht, ſelbſt nicht im Bade. Warum das? Nun, er hat kein Ringkäſtchen, er beſitzt keine eigenen Ringe, ſondern die, mit denen er da prunkt, haben Andre bei ihm verſetzt. Ein Andrer da trägt merkwürdigerweiſe gar keine Ringe, und er macht doch ſo viel Staat. Er trägt ein amethyſtfarbenes Obergewand und wandelt langſamen Schritts, begleitet von einer Heerde von Clienten in weißen Togen und von Knaben in ſchmucken Locken mitten durch die Septa; ein neu beriemter und fein behangener Tragſeſſel folgt hinten nach. Warum nur trägt er keine Ringe? Er hat ſeinen letzten Ring bei dem Geldwechsler für 8 Seſterzen verpfändet, um ein Abendeſſen zu haben.

Gehen wir jetzt vom Campus Martius am Fluß hinab, an den Brücken vorbei, durch die Porta Trigemina zum Emporium, dem Hafen. Auf dieſem ganzen Wege und im Emporium iſt das lebhafteſte Treiben. Da drängen ſich Menſchen aus allen Ländern, Kaufleute und Mäkler, Schiffer und Sackträger und wer weiß, was noch für Leute; durch den toſenden Lärm der Menge hört man vom Strom her den Ruf der Schiffer und das Geſchrei derer, die die Schiffe ziehen. Hier am Strom hin und auf den Brücken machen die Bettler gute Geſchäfte. Man ſieht eine ganze Menge; zum Theil haben ſie ihr Nachtlager auf den Brücken