Aufsatz 
In den Straßen des alten Rom / H. W. Stoll
Entstehung
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8 eingedrungen war, in der republikaniſchen Zeit und auch noch unter den erſten Kaiſern als einſchändlicher Aberglaube von Staatswegen öfter verfolgt und unterdrückt worden war, ſo zählte er doch jetzt, ſelbſt unter den vornehmen Römern, gleich manchen andern von aus⸗ wärts gekommenen Religionsübungen viele Anhänger; die heimiſche Religion befriedigte nicht mehr.

Ob wir auch germaniſche Landsleute auffinden? Wir müſſen uns unter dem Militär umſehen, das in der Kaiſerzeit in Rom ſehr zahlreich war und aus allerlei Volk, namentlich auch aus Germanen beſtand. Da war die kaiſerliche Leibgaxde der Prätorianer, neun, ſpäter zehn und mehr Cohorten zu je 1000 Mann, von denen aber immer nur einige Cohorten in der Stadt ſelbſt lagen, und die Cohorten der Stadtwache(cohortes urbanae), etwa 6000 Mann, ferner verſchiedene Corps berittener kaiſerlicher Leibgarden. Unter den Prätorianern werden wir vergebens nach Germanen ſuchen, denn dieſe rühmen ſich vorzugsweiſe römiſchen und italiſchen Urſprungs zu ſein; aber unter den Reitern iſt mancher blonde Sohn Ger⸗ maniens. Die auserwählte Schaar der Leibgarde, welche eben vorbeireitet, hat ſogar den Namen Bataver, und auch unter den Fußgängern, die nicht zu den Prätorianern gehören, iſt mancher Deutſche; ein Corps Leibgarde zu Fuß heißt Cohors Germanorum. Sie ſind ſtolz auf ihren kaiſerlichen Dienſt und auf ihre Uniform.

Unter dem Menſchengetümmel haben wir bisher vergeſſen, uns die Häuſer zu betrachten. Die bieten nun an und für ſich in ihrer Außenſeite nichts Intereſſantes. Alle Schönheit und alles Leben iſt bei dem römiſchen Hauſe nach Innen gewendet, gegen die Außenwelt iſt es durch ſeine vier einfachen Wände abgeſchloſſen, die wenig decorirt ſind. Keine großen Fenſter, aus denen ſchöne Geſichter freundlich auf uns herabſchauten, verbinden es mit der Straße; man ſieht nur wenige kleine, oft unregelmäßig angebrachte Fenſteröffnungen. Hier und da hoch oben an einer Miethswohnung iſt vor einem Fenſterlein ein Brett befeſtigt, darauf ſtehen Töpfe und Kaſten mit Bäumchen, Kräutern und Blumen; die armen Leute wollen doch auch ihr Gärtchen haben. Von beſonderem Intereſſe dagegen und zum Theil eine Hauptzierde der Straßen ſind die vielen Buden und Läden(tabernae) der verſchiedenartigſten Gewerbe. Dieſe befinden ſich zumeiſt in dem unterſten Stockwerk der Häuſer zu ebener Erde und in den öffentlichen Säulenhallen; aber es gab auch ſolche, welche ſelbſtändig für ſich in den Straßen und auf den freien Plätzen ſtanden und zum Theil eine ganz freundliche Einrichtung hatten. Durch den Kaiſer Domitian wurden dieſe freiſtehenden Buden ſämmtlich entfernt, nur die Wechsler durften ihre früheren Plätze behaupten.

In vielen Straßen Roms bildeten die Läden und Buden der Häuſer eine ununter⸗ brochene Reihe. Bunt wechſelten die Tabernen der Kaufleute und Geldwechsler mit denen der Handwerker jeglicher Art, der Barbiere, Wirthe und Garköche, obgleich in dem einen Quartier mehr dieſes, in dem andern mehr jenes Gewerbe vertreten war. Schuſterwerkſtätten z. B. und Verkaufsbuden von Lederwaaren gab es in der ganzen Stadt zerſtreut; aber die Menge der Schuſter bei der Subura und die Sohlenmacherſtraße(vicus sandaliarius) an den Carinen weiſen auf eine Concentrirung des betreffenden Gewerbes in dieſer Gegend hin. Es gab eine Straße der Glaſer(vicus vitrarius), der Salbenhändler(vicus unguentarius), der Sichelmacher(inter falcarios). Wirthshäuſer und Garküchen gab es in allen Theilen der Stadt, deſto mehr, je größer der Verkehr irgendwo war, wie z. B. in der Subura, einem ſehr lebhaften Bezirke, in welchem alle mögliche Induſtrie getrieben wurde und die verſchieden⸗ artigſten Waaren, namentlich für die niederen Claſſen, zu haben waren.