Aufsatz 
In den Straßen des alten Rom / H. W. Stoll
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

läßt. Es iſt ein ſtoiſcher Philoſoph mit langem ſtruppigem Bart, in kurzem ſpartaniſchem Mantel. Die Dame prahlt mit dem gelehrten Mann, den ſie in ihren Dienſten hat, ſie treibt Philoſophie und macht griechiſche Verſe. Der arme Mann hats ſchlimm in ſeiner Abhängig⸗ keit, er muß alle Launen der übermüthigen Frau geduldig ertragen. Aber dort geht Einer, der iſt ſelbſtändig! Er iſt ſtolz auf ſeine Unabhängigkeit und Freiheit, er dünkt ſich ein König. Das iſt ein ächter Cyniker, wer weiß, aus welcher griechiſchen Stadt? Er trägt einen dicken Stock in der Hand und an der Seite einen Brotſack, ſein alter Mantel iſt ſeine Schlafdecke; ſein Haar iſt grau und ſtruppig, ſein ſchmutziger Zottelbart reicht bis zum Gürtel. Mit großer Prätenſion tritt er auf; aber der Pöbel verhöhnt ihn, und die Gaſſen⸗ bubeu zupfen ihn an Bart und Mantel ein ſchöner König!

Die Fremden intereſſiren uns, ſie beſonders ſucht unſer Auge auf. Da ſieht man Hispanier mit ſchwarzen und Gallier mit geſtreiften, über der rechten Schulter zuſammen⸗ gehefteten Mänteln, die, der griechiſchen Chlamys ähnlich, das Vorbild für das römiſche Sagum abgegeben haben, armeniſche Wahrſager und chaldäiſche Sterndeuter ſie ſind wohl zu irgend einem abergläubiſchen Weibe beſtellt bunt gekleidete Mohren, welche Elephanten aus den Zwingern des Kaiſers vorbeiführen, orientaliſche Fürſtenſöhne, die am kaiſerlichen Hof zu Beſuche ſind, in hohen Mützen und weiten bunten Kleidern. Auch Juden ſind viele zu ſehen. Seit Pompejus Judäa unterworfen, kamen viele Juden nach Rom, wo Caͤſar ihnen freie Religionsübung geſtattete. Sie trieben beſonders Handel und Geldgeſchäfte; auch als Aerzte, Sterndeuter und Wahrſager machten ſie ihr Glück, denn man ſchrieb ihnen eine geheime Weisheit und beſondere Gottbegünſtigung zu. Aber man haßte ſie doch als zudring⸗ liche, unverſchämte Leute, und ſie waren wegen ihres unruhigen Charakters ſchwer im Zaume zu halten. Deswegen, und weil ſie ſo eifrig Proſelyten machten, namentlich unter Frauen⸗ zimmern und Sclaven, hatte ſchon Tiberius ihren Gottesdienſt in Rom beſchränkt und Claudius ſie aus der Stadt gewieſen. Aber ſie ſchlichen ſich bald wieder ein, nach der Zerſtörung von Jeruſalem zahlreicher als je. Vespaſian bewilligte ihnen für eine Kopfſteuer von zwei Drachmen freien Gottesdienſt, Domitian aber wies ihnen ihren Aufenthalt in dem Haine der Egeria außerhalb Roms an. So waren ſie zu einer Art Zigeunerleben verdammt; aber ihre Geſchäfte können ſie doch in Rom machen. Sie halten einträchtig zuſammen, und da ſie auch in ihrem Elende jede über den Handelsverkehr und Profitgeſchäfte hinausgehende Berührung mit Fremden vermeiden, ſo führen ſie in der Regel Heu und Stroh zu ihrer Lagerſtätte und Lebensmittel in Körben mit ſich. Heu und Tragkorb ſind daher das Zeichen ihres Stammes; aber man erkennt ſie doch auch ohnedies gleich an ihrer Beweglichkeit und der Lebhaftigkeit ihres Weſens, wo ſie in Gruppen zuſammenſtehen oder wandern. Ohne Heu und Tragkorb ſchleicht da eine alte Jüdin vorbei; iſt ſie ſo ängſtlich und ſcheu, weil ſie einem verfolgten und verachteten Volke angehört, oder weil ſie hauſiren geht in bekannte Häuſer, um für eine geringe Münze den Frauen Träume zu deuten? denn das Hauſiren iſt ſolchem Bettelgeſindel verboten.

Welch' ſonderbarer, fremdartiger Aufzug da? Kahlköpfige Männer in weißen leinenen Röcken Iſisprieſter ſind es mit dem Siſtrum in der Hand, einer metallenen Klapper, mit der ſie ihr religiöſes Geheul begleiten. Sie haben heute einen Feſttag und ziehen mit dem Bilde ihrer Göttin durch die Straßen; Einer ſtellt den hundköpfigen Gott Anubis dar. Wer ihnen begegnet, bleibt ſtehen und verrichtet ſeine Andacht, oder begleitet den heiligen Zug; denn wenn auch dieſer fremdländiſche Cultus, der bald nach dem zweiten puniſchen Kriege in Rom