Aufsatz 
In den Straßen des alten Rom / H. W. Stoll
Entstehung
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nicht gewöhnliche Speichenräder, wie die vorausgehenden, welche eine leichtere Laſt führen, ſondern maſſive Scheibenräder. Die Räder brechen nicht, aber plötzlich kracht die Achſe, und die Steinblöcke ſtürzen vom zerberſtenden Wagen. Laut ſchreit das Volk; mehr als Einer iſt von den Steinen zerquetſcht, Andere wimmern am Boden mit zerſchlagenen Knochen. Solche Gefahren alſo hat man in den Straßen von Rom zu fürchten. Und auch von oben droht Todesgefahr. Die Inſulä, die großen auf Speculation gebauten Miethshäuſer, waren in ihren oberen Stockwerken ſo leicht gebaut und ſchlecht unterhalten, daß dieſe oft einſtürzten, den Inſaſſen und den Vorübergehenden zum Unheil. Auch vor den Herrnhäuſern ſogar war man nicht ganz ſicher.Ein Theil unſerer Furcht, ſagt Seneca,ſind unſere Dächer; ſelbſt aus mit Gemälden geſchmückten Sälen der großen Paläſte floh man entſetzt, wenn man ein Kniſtern hörte.

Wenn vorhin von Laſtwagen, die durch die Straßen von Rom fuhren, die Rede war, ſo können das nur ſolche geweſen ſein, welche für öffentliche Bauten das Material herbei⸗ ſchafften; denn nur dieſe Fuhren und ſolche, welche für Demolirungen geleiſtet wurden, waren zu allen Zeiten des Tages geſtattet; auch durften die Wagen, welche in der Nacht angekommen waren, am Tage leer oder mit Miſt beladen zurückkehren. Sonſt war den Laſtwagen nur Abends und Nachts der Weg durch die Stadt erlaubt, nicht aber in der Zeit von Sonnen⸗ aufgang bis zur zehnten Stunde. Auch Perſonenwagen durften bei Tage nicht in der Stadt fahren; eine Ausnahme machten nur wenige Bevorzugte, wie die Veſtalinnen, einige Prieſter und die oberen Magiſtrate, die bei feierlichen Aufzügen ſich eines Wagens bedienten. Das Reiten war ebenfalls in der Stadt verboten. Das einzige Transportmittel für Perſonen in der Stadt waren die Sänften(lecticae) und Tragſtühle(sellae); damit wurde, wie zu unſerer Zeit mit den Equipagen, viel Luxus getrieben. Erſt nach den puniſchen Kriegen waren die Sänften aus dem Orient nach Europa gekommen; die Römer bedienten ſich ihrer Anfangs nur auf Reiſen, ſeit Cicero's Zeit aber auch in der Stadt, und zwar Männer ſowohl wie Frauen, doch blieb ihr Gebrauch immer nur ein Privilegium gewiſſer Stände. Sie waren nicht wie unſere Sänften zum Sitzen eingerichtet, ſondern zum Liegen, in Form von Betten (lectus) oder Sopha's, die mit Gurten beſpannt und mit Polſtern und Kiſſen belegt waren. Sie hatten ein bogenförmiges Verdeck, Vorhänge, die man auf⸗ und zuziehen konnte, oder Fenſter an den Seiten aus Marienglas(lapis specularis) oder auch aus Glas, und waren ſo geräumig, daß man ſich vollſtändig in ihnen ausſtrecken und ſchlafen, auch ſchreiben und hantiren konnte und auch zwei Perſonen in ihnen Platz fanden. So ſah man den Kaiſer Nero mit ſeiner Mutter oft in Einer Sänfte. Die für eine oder zwei Perſonen eingerichteten Tragſtühle, mit aufgerichteter und gepolſterter Lehne, ebenfalls überdeckt und mit Fenſtern und Vorhängen verſehen, kamen erſt zu der Zeit des Kaiſers Claudius auf. Getragen wurden die Tragſtühle ſowohl wie die Sänften an Tragſtangen, und zwar entweder ſo, daß ſie niedrig in Riemen an den Stangen hingen, oder hoch auf den Schultern der ſtämmigen, uniformirten Träger, deren die weniger Bemittelten zwei bis vier, die Reichen ſechs bis acht hatten.

Wir ziehen uns für eine Zeit lang aus dem Gedränge zurück, um die bunte Menge vorüberſtrömen zu ſehen; vor uns iſt ein freierer Platz, auf dem man die Einzelnen beſſer muſtern kann. Da ſchaut man die Farben aller Racen, die Trachten aller Völker. Die römiſchen Bürger ſelbſt erkennt man zum Theil wenigſtens an der weißen wollenen Toga; denn das iſt von alter Zeit her außerhalb des Hauſes die römiſche Bürgertracht im Hauſe iſt man blos mit der Tunica bekleidet kein Fremder darf die Toga tragen. Ein⸗