4 Diebeshand. Siehe, da reißt Einer an meiner Seite einer Frau das Kleid von den Schultern und macht ſich davon. Es war ein ganz fein gekleideter Herr, mit parfümirten Locken und mit vielen Ringen an den Fingern; ich glaubte, es wäre der galante Begleiter und Schützer der Dame. Er iſt fort! Vergebens ruft das Weib:„Greift den Dieb!“ Vergebens wiederholt das die Menge.
Da wird's uns heiß in dem dichten Gedränge, daß der Schweiß uns über die Wangen trieft; die Sonne brennt uns auf den unbedeckten Scheitel— denn in der Stadt nicht, nur auf Reiſen trägt man einen Hut— und ihr Licht, das von den weißen Wänden der Häuſer zurückprallt, fällt uns läſtig in die Augen. Kein Wunder, wenn man in Rom ſo viele Trief⸗ äugige ſieht. Welch' unangenehme Küchendämpfe in der ohnedies ſo ungeſunden Luft! welche Staubwolken! Und wie ſchlecht iſt an dieſer Stelle das Pflaſter! Hätten wir naſſe Witterung, man könnte keinen trockenen Fußtritt thun und watete im Kothe. Dem Aedil, der mit ſeinen Unterbeamten die Straßenpolizei zu handhaben hat, der darauf zu ſehen hat, daß die Straßen rein ſind, daß jeder Hauseigenthümer bei ſeinem Hauſe das Pflaſter wohl unterhält, wollen wir übrigens doch nicht wünſchen, was dem Aedilen Veſpaſian, dem nachmaligen Kaiſer, geſchah. Der Kaiſer Caligula ließ ihm, weil er die Reinhaltung ſeines Diſtriktes verabſäumt, durch ſeine Soldaten den Buſen mit Straßenkoth füllen.
Das aber ſind die Unannehmlichkeiten auf der Straße noch nicht alle. Das Ausweichen iſt ſchwer, und doch drängt ſich da ſo mancher Laſtträger durch mit einer für unſere Köpfe und unſere Rücken gefährlichen Laſt. Der ſtößt uns mit einem Brett, der mit einem Balken, ein Anderer mit einer Tonne. Clienten begegnen uns, jeder mit einem Sclaven vor ſich, der auf ſeinem Kopfe einen rauchenden Tragheerd ſchleppt; auf den Kohlen des Heerdes ſtehen die Speiſen, die der Client ſich als Sportel geholt. Mancher Sclav muß das ver⸗ klimmende Feuer im Laufe wieder anfachen. Da kommt ein langer ſchwerbepackter Maulthier⸗ zug, der mit Mühe zu durchbrechen iſt; dort ſteht zur Raſt eine Reihe von Saumthieren, die ihrer Bürde entledigt ſind. Obgleich der Platz etwas freier iſt, ſo kommen wir doch nicht unbeläſtigt vorbei; auch hier gibt's Widerſtoß, und die Treiber, die unter ſich ſchon zankend einen hölliſchen Lärm vollführen, ſchreien uns an. Wir kennen Einen von ihnen; er war einſt ein reicher Menſch; aber er hat Alles verpraßt und kam ſo herunter, daß er ſich bei einem Gemüſehändler als Stallknecht verdingte und nun deſſen Klepper, mit Gartengewächſen beladen, zum Markte führt.
Sänften kommen häufig an uns vorüber, getragen von vierſchrötigen, hochſtämmigen Burſchen aus Bithynien oder Cappadocien, aus Illyrien und Möſien. Auch blondhaarige, blauäugige Germanen ſieht man unter dieſen Sänftenträgern; jetzt noch beugt der Germane dem ſtolzen Römer vienſtbar den Nacken, einſt wird die Zeit kommen, wo er dem Römer den Fuß auf den Nacken ſetzt. Der Herr, der eben ſich vorbeitragen läßt, muß ſehr vornehm und reich ſein. Sogar acht Sclaven in prächtiger Livree tragen ſeine Sänfte, hinterher geht ein zahlreiches Gefolge, und Mohren aus Gätulien gehen als Läufer voraus, um gewaltſam Platz zu machen. Doch die Gewalt iſt nicht nöthig; aus Reſpect tritt die Menge ſchon von ſelbſt auseinander. Der Herr ſelbſt kümmert ſich nicht um die Menge. Die Fenſter der Sänfte ſind geſchloſſen, er lieſt vielleicht oder ſchreibt oder ſchläft.— Hier kommen Laſtwagen mit behauenen Tannen⸗ und Fichtenſtämmen, gezogen von Ochſen, Eſeln und Maulthieren; da nehme ſich Jeder in Acht, daß die langen Stämme ihm nicht ins Geſicht oder in die Seite fackeln. Hintennach folgt ein Wagen mit ſchweren Blöcken liguſtiſchen Marmors. Er hat


