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um die Mittagszeit, wo man in der Regel zu Hauſe das große Frühſtück(prandium) hielt. Nach dem Prandium, in der ſiebenten Stunde, überließ man ſich der Mittagsruhe(meridiatio), ſo daß um dieſe Zeit Stadt und Straßen verhältnißmäßig ſtill und ruhig waren, obgleich die Geſchäfte im Senat, auf dem Markt, in den Gerichten oft bis zur neunten und zehnten Stunde dauerten. Mit der achten Stunde endete im Allgemeinen die Sieſta, und man ging nun gewöhnlich zu gymnaſtiſchen Uebungen, zum Ballſpiel auf dem Campus Martius, ins Bad und zu ſonſtigen Erholungen und Unterhaltungen. In der neunten oder zehnten Stunde, in der Regel unmittelbar nach dem Bade, folgte die Hauptmahlzeit(cocna).
Mit dieſer Eintheilung der Tagesgeſchäfte ſtimmen im Allgemeinen folgende Worte des Martialis:„In der erſten und zweiten Stunde des Tages begrüßt man die Patrone, in der dritten beginnt das heiſere Schreien der Sachwalter. Bis in die fünfte vollbringt Rom mannigfaltige Geſchäfte; in der ſechſten und ſiebenten ruht es. Zwiſchen der achten und neunten übt ſich der glänzende Ringer, und die neunte fordert auf, ſich zum Mahle zu lagern. Dann, mein Freund, erſcheint die zehnte Stunde zum Vorleſen meiner Büchlein.“ In einem andern Epigramm, in dem er ſich gegen den Vorwurf der Trägheit, daß er im Jahr nur ein einziges Büchlein herausgebe, vertheidigt, ſagt derſelbe Dichter:„Ganze Tage vergehen mir oft in Geſchäften. Noch vor Tag begrüße ich Freunde, die nicht wieder grüßen, wünſche ich vielen Glück, von denen mir keiner Glück wünſcht. Dann muß mein Ring am Tempel der Diana ein Teſtament unterſiegeln. Der erſten Stunde des Tages bin ich ein Raub, und auch der fünften. Oft wird den ganzen Tag nichts als ein Dichter gehört. Auch dem Redner vor Gericht darf ich mein Ohr nicht verweigern, noch auch es verſagen, wenn ein Rhetor oder ein Grammatiker gehört ſein will. Nach der zehnten Stunde erſt ſuche ich ermüdet das Bad und hole mir ſtatt der Mahlzeit beim Patron meine Sportel von 100 Quadranten*). Wann ſoll ich mein Buch machen?“ Natürlich, daß von dem oben aufgeſtellten allgemeinen Schema der Beſchäftigungen je nach Umſtänden, nach dem Beruf und den Verhältniſſen der Perſonen gar manche Abweichungen ſtattfanden.
Wagen wir uns in der Geſellſchaft der Dichter jener Zeit in das Gedränge der Straße. Von Alters her waren in Rom die Straßen eng und krumm und winkelig, und auch nach dem Wiederaufbau der Stadt durch Nero, der die Straßen regelmäßiger und breiter herſtellte, i*ſt dieſer Mißſtand noch vielfach vorhanden; es war demſelben wegen der Unebenheit des Bodens an vielen Stellen nicht abzuhelfen geweſen. Zudem waren viele Läden und Buden, Werkſtätten und Schenkſtuben in die Straßen herein vorgeſchoben und hemmten dadurch den freien Verkehr, ein Uebel, das erſt durch Domitian beſeitigt wurde. Da war denn für die große Menge von Menſchen, die ſich immer auf den Straßen bewegten, nur wenig Raum. Eine Menſchenwoge drängt die andere, es iſt kein Gehen, es iſt ein Geſchobenwerden. Laufen muß man, wenn man von dem Hintermann keine Püffe bekommen will, muß ſelbſt mit den Ellenbogen um ſich ſtoßen, um vorwärts zu kommen, und vor Zank und Streit iſt man nicht ſicher.„Was ſoll's, Unſinniger?“ ruft Einer,„was haſt du denn? du knuffſt wohl, was dir im Wege iſt, wenn du zu deinem Herrn laufſt.“ Da tritt mir ein Soldat mit ſeinen gewaltigen Nägeln in den Schuhen auf den Fuß und läßt mir einen Nagel in der Zehe haͤngen. Gar Manchem wird in dem Gewühl der Rock zerriſſen, Manchen beraubet die
*) Der Quadrant iſt der 4. Theil eines As und der 40. Theil eines Denars, und ſeitdem man 16 As auf den Deuar rechnete, der 64. Theil eines Denars. Der Denar aber betrug etwa 6 ½ Groſchen. 14


