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Schon früh am Morgen, noch vor Tagesanbruch, beginnt der Lärm in den Straßen und in den Häuſern.„Rom tritt mir vor das Bett; das Gelächter der Vorübergehenden weckt mich, ſo daß ich, wenn ich müde und mürbe des Schlafes genießen will, auf's Land gehen muß.“ So klagt der Dichter Martial, den ſeine Armuth zwang, ein ſchlechtes Logis an der Straße zu bewohnen, wo die erſten Wellen des Straßenlärms ihn trafen. Der Reiche allerdings kann ein Haus bewohnen, das fern liegt von dem Getöſe der Stadt, oder wenn es an einer lärmenden Straße ſteht, ſo hat er ſein Schlafgemach im hinteren Theile des Hauſes, wohin der Tumult nicht dringt; da kann er nach durchſchwelgter Nacht ungeſtört in den langen Tag hineinſchlafen. Da hört er nicht die Bäckerjungen, welche in aller Frühe ihre Waare in Körben oder in Netzen durch die Straßen tragen und laut ausrufen, nicht den Hammerſchlag und das Sägen des früh an der Arbeit ſtehenden Schmiedes und Tiſchlers, nicht die Schuljugend, die ſchon vor Tagesanbruch durch die Straßen lärmt zum Heiligthum des Schulmonarchen, um dort noch beim Lampenlicht unter dem Schreien des Präceptors laut zu buchſtabiren und zu declamiren. Ihr Morgenbrot, einen Schmalzkuchen(adipatum), haben ſich die Jungen unterwegs beim Bäcker gekauft. Mit der Schuljugend iſt auch ſchon die zahlloſe Menge von Clienten auf den Beinen. Sie müſſen vor Sonnenaufgang ſchon ſich aufmachen, da ſie bei gar vielen Herrn zur Morgenaufwartung ſich zu ſtellen haben, und drängen ſich— eine wahre Völkerwanderung— haſtig, lachend und zankend, durch die Menge.
Das in den langen Tag Hineinſchlafen(in lucem dormire) war in der Kaiſerzeit eine Unſitte vieler Römer geworden, was Seneca als eine widernatürliche Verkehrung der Ord⸗ nung von Tag und Nacht beklagt; doch bei weitem die Meiſten ſtanden vor Tagesanbruch auf und begannen unter Lampenſchein ſchon ihre Geſchäfte. Die Handwerker, die freilich in der Regel keine gebornen römiſchen Bürger waren, wurden durch ihr Geſchäft den größten Theil des Tages im Hauſe und in der Bude gehalten; die Mehrzahl der Römer aber und der in der Stadt lebenden Nichtbürger brachte den Haupttheil des Tages außer dem Hauſe zu. Der Hausherr, welcher die alte gute Sitte beibehalten, erhob ſich vor Aufgang der Sonne, nachdem das Geſinde durch die Hausglocke geweckt worden war, von ſeinem Lager, empfing den Morgengruß ſeiner Kinder und Sclaven, und nachdem er mit ihnen geopfert und gebetet, nahm er ſein Hausbuch vor, ließ ſich über die Wirthſchaft berichten und ordnete die Tagesarbeit. Mittlerweile kommt, etwa mit Sonnenaufgang, der Schwarm der Clienten, um ihm die ſchuldige Aufwartung(salutatio) zu machen; er fragt ſie nach ihren häuslichen Verhältniſſen, ertheilt ihnen Rath und Belehrung in Rechtsſachen und perſönlichen Angelegen⸗ heiten, läßt ſich Neuigkeiten berichten u. dgl., und wenn dann der Morgenempfang beendigt iſt und er ein frugales Frühſtück zu ſich genommen, geht er, ungefähr mit der dritten Stunde, des Tages*) oder auch noch früher, in Begleitung ſeiner Clienten in die Oeffentlichkeit zu ſeinen Geſchäften, in den Senat, auf's Forum, zu den Gerichtsſitzungen, um einem Freunde Beiſtand oder Bürgſchaft zu leiſten, um als Zeuge ein Teſtament zu beſiegeln u. dgl., er macht Beſuche und kommt verſchiedenartigen Obliegenheiten gegen befreundete Familien nach, zerſtreut ſich in mancherlei Unterhaltungen u. ſ. f. Oft kommt ein ſolcher Mann mit ſeinen Clienten erſt um die zehnte Stunde zur Ruhe; doch viele endeten ihre ernſten Geſchäfte ſchon
*) Der Römer theilte den Tag, mochte er lang oder kurz ſein, vom Sonnenaufgang bis zum Untergang, in 12 gleiche Theile, Stunden, ebenſo die Nacht.


