Aufsatz 
In den Straßen des alten Rom / H. W. Stoll
Entstehung
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In den Straßen Roms*).

Zur Zeit des zweiten puniſchen Krieges ſchon war Rom eine Weltſtadt; aber ſeitdem wuchs die Stadt bis in das erſte Jahrhundert des Kaiſerreiches in dem Maße, wie ihre ſiegreichen Heere ein Land des Erdkreiſes nach dem andern dem Reiche hinzufügten, immer gewaltiger an, aus allen Ländern des großen Reiches ſtrömten die Menſchen zahlreich in die glänzende und volkreiche Hauptſtadt theils zu zeitweiligem Aufenthalte, theils um für immer dort ihren Sitz aufzuſchlagen. Rom war in der Kaiſerzeit eineWeltherberge,ein Verſamm⸗ lungsort des Erdkreiſes.Welches Volk iſt ſo fern, ſagt Martial,welches ſo barbariſch, das nicht käme, um Rom zu ſchaun? Es kommt der Bewohner des thrakiſchen Hämos, es kommt der Sarmate und wer fern aus den geheimen Quellen des Nils trinkt; der Britannier kommt, den die Woge des äußerſten Meeres beſpült, der Bewohner Arabiens und Siciliens; die Sigambrer kommen, die Locken in Knoten gewunden, und mit anders gekrümmtem Haar kommen die Aethiopier. Bunt durcheinander ſchwirren die Stimmen der Völker. Martial nennt hier beſonders die fernen, die barbariſchen Völker; die jedoch, welche zumeiſt in Rom ſich einfanden, kamen aus den Provinzen, welche an das Mittelmeer ſtoßen, ganz vornehmlich Leute von griechiſcher Zunge aus dem griechiſchen Mutterland und Sicilien, wie aus den griechiſchen und gräciſirten Colonien und Landſchaften Aſiens. Es waren Krämer und Kauf⸗ leute, Handwerker und Aerzte, Künſtler jeder Art, Philoſophen und Rhetoren, Schauſpieler und Gaukler, auch Schwindler und Abenteurer in Maſſe, welche in der volkreichen Stadt dem Glück und Gewinn nachjagten. Andre trieb der Ehrgeiz heran und das Streben nach Glanz und Auszeichnung. Wieder Andre ſuchten nur Genuß und Erholung; denn keine Stadt der Welt kam an Pracht und Großartigkeit Rom gleich, nirgends fand Schauluſt und Genuß⸗ ſucht ſo viele Ergötzung als hier, wo Alles, was die Erde Merkwürdiges und Wunderbares lieferte, Alles, was Auge und Herz und Sinne erfreut, in reichſter Fülle und Auswahl zu⸗ ſammen kam. Doch auch ein höheres und edleres Trachten fand in Rom am leichteſten ſeine Befriedigung; den Freunden der Künſte, der Wiſſenſchaft und Litteratur boten hier die mannig⸗ faltigſten Anſtalten, die Bibliotheken und Hörſäle, die Kunſtſammlungen, der Verkehr mit gebildeten und gelehrten Männern Mittel und Wege im Ueberfluß zu ihrer Ausbildung und ihren Studien. Rom hatte im erſten Jahrhundert der Kaiſerzeit, das wir bei dieſer Schilde⸗ rung beſonders im Auge haben, mehr als zwei Millionen ſtändige Einwohner; fügen wir dazu die Menge derer, die nur auf kurze Zeit daſelbſt Raſt machten, ſo bekommen wir einigermaßen einen Begriff von dem Gewühl, das ſich in ſeinen Straßen drängte.

*) Abſchnitt aus einem in der Bearbeitung begriffenen Buche:Bilder aus dem altrömiſchen Leben, das vorzugsweiſe für die höheren Schulen beſtimmt iſt. 1