15
aber in ſeinen Geſichtszügen erſcheint die Würkung einer zerſtörenden Gewalt; man ſieht, daß dieſe Geſtalt nicht das iſt was ſie ſeyn könnte und auf natürlichem Wege ſeyn würde, auch ſoll er ſich ſeit einigen Jahren von Grund aus verändert haben, indem er damals ein blühender ſchöner Jüngling war 2z). Die Haupturſache dieſer Veränderung ſoll übermäſige Anſtrengung ſeyn, deren Grund wieder in groſen öconomiſchen Bedürfniſſen zu ſuchen iſt?²). Das Verhältnis zu ſeiner Gattin ſoll ſonderbar ſeyn und häufig durch ein verſchiedenes Urtheil über ein Sylbenmaas u. d. gl. verſtimmt werden ³). Sein Vortrag iſt höchſt ausgearbeitet und ſchon zum Druck fertig, aber eben deshalb nicht ganz frey, indem er zuweilen ängſtlich nach einem Ausdruck ſucht. Ich gebe ihn hier faſt wörtlich wieder.
„Naturgeſchichte des Mythos. Es läßt ſich ein dreyfaches Princip deſſelben denken: phyſiſcher Egoiſmus, der in dem älteren epiſchen Gedicht herrſcht, Myſticiſmus(in der Lyrik und Muſik) und ethiſcher Characteriſmus, im Drama und der bildenden Kunſt, aber in dieſer nur unter der Bedingung des Anthropomorphiſmus.— Da den Göttern menſchliche Seele und Handlungsweiſe zugeſchrieben ward, muſten ſie durch die natürlichſte Analogie auch in menſchlicher Geſtalt gedacht werden, und ein eben ſo natürliches Bedürfniß war es, die übermenſchlichen Eigenſchaften ſymboliſch zu bezeichnen; man wählte dazu theils coloſſalle menſchliche Geſtalten, aber in beſonderen Verhältniſſen der einzelnen Theile, theils Zuſätze in der Geſtalt ſelbſt oder in Attributen— jene aus der organiſchen, dieſe aus der unorganiſchen Natur entlehnt.— Bey dieſen Symbolen will der Verſtand blos Bedeutſamkeit, folglich entſtehen, wo deſſen Geſetze uneingeſchränkt herrſchen, ungeheure, groteſke Göttergeſtalten. Aber die Phantaſie will auch das menſchliche und die Einheit erhalten, nimmt alſo nur das in die Geſtalt auf, was nicht monſtrös iſt, das monſtröſe nur analogiſch oder in leiſen Andeutungen.— Mythologie als Religion. Jenes drey⸗ fache Princip der Theologie producirt auch drey verſchiedene Arten von Religion: gegen phyſiſche Mächte Ehrenbezeugungen und Geſchenke,— gegen die gefühlte Unendlichkeit der Natur Hingebung und Selbſt⸗ entäuſerung, deren Symbole enthuſiaſtiſche Feyerlichkeiten und religiöſe Myſterien ſind— gegen moraliſche Götter, Annäherung an ihre GCöttlichkeit.“
Schütz hört man mit vielem Intereſſe, aber wenn man ſich genaue Rechenſchaft von dem Grund deſſelben giebt, ſo findet man das ausgezeichnete nicht ſowohl in dem was er ſagt als im Vortrag und auch hier nicht ſowohl in eigentlicher Rednerkraft, als in einem gewiſſen Glanz von Geiſt und Leben, der über das ganze ausgegoſſen iſt und ſelbſt über ſeine Geſtalt. Seine häusliche Verhältniſſe ſind noch immer ſehr traurig, noch im vorigen Jahre war man auf dem Punct der Scheidung, als ſie ſich wieder anders beſann und auch ihn durch einige Liebkoſungen umſtimmte*¹).
A. Wilhelm, der noch immer des Biographen harrt, ſ. Merkel(S. 83 ff.), Köpke(Tieck I. 249), Wilh. Grimm, der(bei Wendelera. a. O. S. 338) ihn trefflich charakteriſiert, und neben den Litteraturgeſchichten und Haym noch Julian Schmidt in Weſterm. Monatsh. 29, 72— 90.— u) S. ſein Porträt aus dieſer Zeit in Weſterm. Monatsh. 39, S. 81.— *²) Dies wird beſtätigt bei Haym, Rom. Schule S. 165 u. 166, der daſelbſt auch Schlegels bewunderungswerten Fleiß und un⸗ glaubliche Arbeitskraft zeigt.—*³) Karoline Schlegel, geb. Michaelis, die berühmteſte der vier berühmten Göttinger Pro⸗ feſſorentöchter, verwittwete Böhmer, hatte nach allerlei Abenteuern, die ſie auch als politiſch verdächtig in Haft nach König⸗ ſtein in Naſſau(nicht nach dem Königſtein, wie es bei Waitz, Karoline und ihre Freunde, 1882, S. 22 und bei Haym S. 164 heißt, bei welch letzterem auch S. 871 Marburg ſtatt Koburg ſtehen ſollte) gebracht hatten, A. W. Schlegel, der als ihr Retter erſchienen war, geheiratet, und zwar aus Dankbarkeit, nicht aus Liebe; ſie wurde die feinſinnige litterariſche Gehülfin ihres Gatten; um jene Zeit gerade wandte ſie ſich dem um 12 Jahre jüngeren Schelling zu, vor welchem Schlegel freiwillig zurücktrat: nach einem Chaos von Irrungen und Wirren und nach dem Tode ihres dritten und letzten Kindes erſter Ehe der lieblichen Auguſte Böhmer, die manche als die Braut Schellings anſehen wollen, wurde ſie Schellings Gattin und ſtarb nach der glücklichſten Ehe 1809. Gries nennt ſie die geiſtreichſte Frau, die er je geſehen(S. 156); Schelling bezeichnet ſie (ſ. Plitt II. 168 ff. 184) als ein Meiſterſtück des Geiſtes, und Schlegel ſagt von ihr:„ſie beſaß alle Talente um als Schrift⸗ ſtellerin zu glänzen, ihr Ehrgeiz war aber darauf nicht gerichtet.“(Haym S. 165.) Die wundervollen, auch litterariſch wich⸗ tigen Briefe der merkwürdigen Frau gab Waitz heraus„Caroline“ 1870; ſ. auch Haym Preuß. Jahrb. Bd. 28, S. 457— 506. — Schlegel heiratete 1818 Sophie Paulus, die Tochter des u. S. 16 genannten berühmten Theologen, die aber ſchon nach wenigen Wochen ſich weigerte ihm nach Bonn zu folgen und getrennt von ihm blieb, ohne daß die Scheidung zu ſtande gekommen wäre. S. Reichlin⸗Meldegg a. a. O. II. 207.—*) Chriſt. Gottfr. Schütz, † 1832 85jährig zu Halle, gelehrter,


