Aufsatz 
Friedrich Karl von Savignys Sächsische Studienreise 1799 und 1800
Entstehung
Einzelbild herunterladen

317

30. Juli 2. Auguſt.(Jena). Schmid. Hufeland. Schelling. Schlegel. Schütz. Voigt. Paulus. Stahl. Feuerbach. Tennemann. Clubb. Concert. Kunitz. Gegend. Studenten. Rückblick auf Jena. Aneecdoten und Litterärnotizen.

Schmids). Ich fand ihn ganz ſo, wie ich gewünſcht und gehofft hatte, nämlich über ſeinen Schriften. Er war nie anders als kalt, aber ſeine Kälte that mir nicht weh, denn ſie ſchloß Theilnahme und Mittheilung nicht aus. In ſeinem Benehmen iſt alles Natur, und ich möchte ſagen, zuviel Natur, ſo ſehr iſt alles was Phantaſie dabey thun kann verbannt. Beſonders gefielen mir ſeine Äuſerungen über Fichte; ohne ein Factum zu verſchweigen, welches affectirt geſchienen hätte, ſprach er von ihm ganz ohne Bitterkeit und Empfindlichkeit, mit voller Ruhe. Er hat wenig Umgang und am wenigſten mit Gelehrten. Von dem Augenblick an, als das Vernichtungsheft erſchien, hatte er keinen Zuhörer mehr in der eigentlichen Philoſophie, und von dem Augenblicke an, als Fichte den Abſchied hatte, wurde ſeine Metaphyſik wieder mit 30 40 beſezt; das hat ihn zur Herausgabe ſeines Compendiums veranlaßt, das ſo eben abgedruckt ſeyn wird. Fichte hat bekanntlich erklärt, daß er mit der Annihilation nicht den Würkungskreis des Lehrers gemeint habe, aber er hat doch kurz vor der Annihilation in Gotha geſagt, er wolle Schmid ecraſiren. Ich bin Schmid recht gut geworden. Sein Vortrag iſt nicht unangenehm und lebhafter als ich ihn erwartete; der Inhalt iſt ganz dem ſeiner Schriften ähnlich*). Mir kommt es vor, als ob der gute Schmid recht abſichtlich allen Zuſammenhang der Phantaſie und des Gefühls mit der Denkkraft abgeſchnitten und damit zugleich dem Sinn und Gefühl für helle, klare Einſicht und Überzeugung(z. B. für eine neue Darſtellung) das Herz ausgeriſſen und ihn ſich ſelbſt verdächtig gemacht hätte. Ich meine auch hier zeigt es ſich, daß der Menſch ein Ganzes ſeyn und werden müſſe.

Hufelandos) iſt ein ganz herrlicher Mann. Sein Vortrag gefiel mir ſeiner Ordnung und Klar heit wegen ungemein wohl; ich wollte den Conspectus über ſeine Vorleſungen haben und ſchickte meinen Bedienten darnach aus, der, da man ihm ſagte, daß blos Hufeland ſelbſt ihn austheile, gerade zu ihm gieng und den Conspectus holte. Nicht wahr, nun muſte ich doch auch hingehen um mich zu entſchul digen und zu bedanken? er empfieng mich mit vieler Artigkeit und doch natürlich, und ich brachte einige recht ſelige Stunden bey ihm zu, denn wir kamen natürlich ſogleich auf unſre Wiſſenſchaft und da fand ich bey ihm Ideen und Anſichten die mich entzückten und die ich gar nicht bey ihm erwartete; ich mache mir es jetzt recht zum Vorwurf, daß ich ihn als Schriftſteller noch nicht mit eigenen Augen genau betrachtet habe warum verließ ich mich auch auf Gläſer, die ich ſchon als trüb kannte? Er hat große Achtung vor dem Römiſchen Recht und dieſe iſt bey ihm erſt ſeit der genauern Kenntniß desſelben entſtanden! auch ſeine Urtheile über andere, z. B. über Hugo 66) und Runde, waren ganz ſo wie ich ſie wünſchte, ganz aus

ähnlich ſchreibt auch Wieland an Göſchen bei Gruber a. a. O. S. 168. Das ſcharfe Urteil über Wieland hat S. übrigens weiter unten(ſ. Brf. Nr. 3) weſentlich berichtigt. ³³) Karl Chr. Erhard Schmid(17611812, ſ. Günther, Lebensſkizzen der Profeſſoren der Univ. J., 1858, S. 214). Fichte und Schmid waren zuerſt in Streit geraten, als erſterer in der Allg. Lit. Ztg. 1793 unſeres Leonhard Creuzer, dem erviel Gutes für die Philoſophie verſprechen zu können glaubt, oben erwähnteSkeptiſche Betrachtungen u. ſ. w. rezenſierte und auch(S. 204) Schmid hereinzog; Fichte ſtellte nach ſeiner Ankunft in Jena perſönlich den Frieden wieder her, wurde aber dann von Schmid zweimal angegriffen(zuletzt im 2. Heft III. Bdes. des Niethammerſchen Philoſ. Journals) und ſchrieb dann(im 4. Heft dieſer Zeitſchriſt), Schmids Philoſophie ſei für ihn(F.) nichts; alles was Schmid über ſeine(F.s) Philoſophie ſage und Schmid ſelbſt als Philoſoph exiſtiere für ihn nicht mehr. Das Genauere ſiehe in Fichtes Leben von ſeinem Sohne I. 26568 und Fiſcher, Geſch. d. neuern Philoſ. V. 275 ff. ⁴⁸⁹) Fries ſchreibt(bei Henke S. 48):Schmids Philoſophie beſteht faſt aus lauter Ein⸗ theilungen, ſeine Schriften ſind daher fatal zu leſen, aber ſeine Grundſätze ſind natürlich und der Mann ziemlich anſpruchs⸗ los. 0s) Über Gottlieb Hufeland(17601817) ſ. Eiſenhart in der Allg. Dtſch. Biogr. XIII. 2968; mit dem unten auch(S. 16) genannten berühmten Arzt, der 1793 1801 auch in Jena als Profeſſor mit vielem Beifall lehrte(in einem publicum hatte er von den 800 Studenten Jenas, der damals beſuchteſten deutſchen Univerſität, 500 zu Zuhörern; Autob. bei Vahlen(II. 218) war der Juriſt nicht verwandt. de) GuſtavHugo(17641844), der berühmte Rechtslehrer in Göttingen, war