Aufsatz 
Friedrich Karl von Savignys Sächsische Studienreise 1799 und 1800
Entstehung
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9 lernen? und wohlgemerkt das alles iſt nicht Individualität(ſeine Bildung und ſein Leben deuten gar nicht auf etwas ausgezeichnetes hin), es iſt Nationalität! oder wiſſen Sie mir in unſern vater⸗ ländiſchen Gegenden auch nur Einen zu nennen, der bey gleichen Bedingungen gleich liebenswürdige Re ſultate zeigte?

Sein Sohn, der Profeſſor ³⁸), hat, wie ſich von ſelbſt verſteht, mehr gelehrte Bildung, aber nicht weniger Natürlichkeit und Herzlichkeit; er lebt mit ſeinem freundlichen gebildeten Weibess) ein recht glück⸗ liches Leben. Auch den liebevollen Lenzꝰs) und den mittheilenden Jacobsꝰ) ſah ich hier;mit Lenz diſputirt man gerne, er iſt kein Stockkantianernicht wahr, man merkt es dem Manne nicht an, daß er ſo gelehrt iſt(nämlich Jacobs)? das ſagte J. Paul über beide Männer ⁵s).

Bey Schlichtegroll nun fand ich auch ſeinen Gevatter ⁵⁵) und innigen Freund*) er ließ ſich gerade mahlen und ich konnte ihn alſo nach Wunſch betrachten. Über ſein Auge hat die Natur einen Schleier gezogen, tief hinter ihm entdeckt man den regen lebendigen Geiſt; dies und das unausgeſezte Spiel ſeiner weichen Muskeln macht das Treffen unendlich ſchwer, wie er denn auch hier ganz verfehlt wurde; alle Kupferſtiche ſtellen uns nichts von ihm dar als ſein Haar. Seine Bekanntſchaft hat meine Meinung von ihm ſonderbar modificirt; ich halte ihn für einen gröſeren Künſtler; denn der Jean Paul, deſſen Darſtellung das Thema ſeiner Werke iſt, iſt nicht Fr. Richter, dieſer hat nichts humo⸗ riſtiſches(das bey jenem Grundzug iſt), weder das ſatiriſche noch das humoriſtiſchliebende, ſondern blos ein ungemein ſanftes aber etwas gezwungenes oder gar affectirtes Weſen, das gegen Frauen ſich dem ſchmachtenden nähert ¹¹) aber ich halte ihn nun auch mehr für gänzlich divergirend von unſern Ideen in gewiſſen Hauptpuncten, z. B. was wiſſenſchaftl. Anſicht und Werth der Wiſſenſchaft überhaupt be trifft; war er nämlich humoriſtiſch, kurz war er Jean Paul, ſo muſte er eine Univerſalität beſitzen, die wie ich jetzt glaube gegen ſein ganzes Weſen iſt er muſte über Misbrauch der Kantiſchen Philoſophie lachen können und Anſichten von Kant und Fichte mit Wärme ergreifen, muſte Herder verehren können und die Metakritik rächen, muſte Sinn haben und Intereſſe für jede Form in der ein ſchaffender Geiſt erſcheint, kurz er muſte nicht ſo ganz beſtimmte feſte Puncte haben an denen er hängt und die ſein Glaubensbekenntniß ausmachen. Er iſt mir fremder geworden; Jean Paul kannte ich recht gut, aber mit ihm hätte ich erſt bekannt werden müſſen. Manches freylich habe ich gefunden was ich erwartete, (Aus d. Leben u. ſ. w. S. 25.) ¹³⁸) Schlichtegroll, A. H. Fr., geb. 1765, Hiſtoriker und Numismatiker, damals Prof. am Gymnaſium in Gotha, 1822 als Direktor der Hoſbibliothek in München, ein kenntnisreicher und beſcheidener Mann, Herausgeber des noch jetzt wichtigen Nekrologs d. Deutſchen, 28 Bde. Seinen Nekrolog ſchrieb ihm Jacobs, Verm. Schr. VIII. 222 45. Sein hier genannter Vater war damals Lehnsſekretär und Hofrat in Gotha, früher Amtskommiſſar in Waltershauſen, wo auch der Sohn geboren iſt. ³⁸) Ander ſchönen Seele, dem weichen Herzen dieſer Frau hing auch Jean Paul mit aufrichtiger Freundſchaft, ſ. Nerrlich a. a. O. S. 278. An Jacobi ſchreibt er bei der Üüberſiedelung dieſes Paares nach München 1807:Mein guter Schl. wird Dir mit ſeinem ſchönen, reinen, treuen Herzen Genüge leiſten. Und mit ſeiner Frau kannſt du ſogar disputiren; ſie wird Dich, wenn nicht beſiegen, doch auslachen und lieben und herzlich an⸗ blicken. Viel ſchönes Rouſſeau'ſches(ſie war eine geb. Rouſſeau) oder Genfer Blut rinnt durch ihr deutſches Herz, ebenda 279. S. auch Jacobs Verm. Schr. VII. 264. ³⁸³) K. G. Lenz aus Gera(17631809), ebenfals Prof. am Gymnaſium in Gotha. S. Burſian a. a. O. I. 565 u. 600. ¹³⁴⁸) Der gelehrte, treffliche Friedr. Jacobs, geb. zu Gotha 1764, daſelbſt 1847, war das Haupt des Gothaer Philologenkreiſes; Autob. in ſeinenPerſonalien(Verm. Schr. Bd. VII.; ebenda auch ſein Porträt). S. auch Burſian a. a. O. I. 634 41 und Regel in d. Allg. Dtſch. Biogr. XIII. 600 613, wo, wie immer, Litteratur und Schriften verzeichnet oder nachgewieſen werden.) Die Stelle zeigt, daß Jacobs ſeine Be⸗ kanntſchaft mit Jean Paul auf 1799 ſetzen mußte anſtatt auf 1800, wie er Verm. Schr. VIII. 342 thut. ⁴⁹⁴) 1797 hatte Schl. dieſen gebeten bei ſeinem Sohne Paul Emil Patenſtelle zu übernehmen. Nerrlich a. a. O. 278. Jean Pauls Antwort in Wahrheit aus J. P.s Leben. V. 277.) Spazier a. a. O. IV. 101 erwähnt auch dieſen Beſuch in Gotha; Schlichtegr. lockte ſchon ſeit 1797 Jean Paul immer nach Gotha, mehr noch der geniale Erbprinz, ſpätere Herzog Auguſt von Gotha(ſ. S. 10). Jean Paul war auch ſchon im März 8 Tage in Gotha geweſen, ſ. Nerrlich S. 86, der dieſen zweiten Beſuch übrigens unrichtig in den Auguſt ſetzt. ⁴¹) Über das Hinreißende ſeiner Perſönlichkeit für Frauen ſ. Spazier IV. 10.

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