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dramatiſchen Poeſie günſtig, wie das Zeitalter der Eliſabeth es für Shakſpeare war. Während dieſe Königin mit kräftiger Hand die Zügel der Regierung führte, hatten die großen Unternehmungen des Staates den Wohlſtand und das Selbſtgefühl der Bürger gehoben und bei glanzvollen Hoffeſten war, mit der Belebung des nationalen Geiſtes, auch der poetiſche Sinn gereift. Noch günſtigere Ver⸗ hältniſſe förderten die Entwicklung des Drama's in Griechenland. Hier hatten die Poeſie überhaupt, Philoſophie, Beredtſamkeit, die bildenden Künſte bereits eine hohe Blüthe erreicht, als die vollkommenſte Gattung der Poeſie, das Drama, erſt noch ſeiner Vollendung entgegen ging. Auch war das griechiſche Theater von ſeinen erſten künſtleriſchen Anfängen auf einem regelmäßig fortſchreitenden Stufengang vorangeſchritten, bis es in Sophokles ſeinen Gipfelpunkt erreichte. Die Zeitgenoſſen haben letzteren den„Süßen“ genannt, weil er, nach der Anſicht des unbekannten Biographen, der Biene gleich, das Süßeſte aus ſeinen Vorgängern herausgenommen und zur vollkommenſten Kunſtgeſtaltung umgebildet hat. Der Scholiaſt deutet alſo darauf hin, daß Sophokles nur durch und nach einer ſtufenmäßig fortſchreitenden Reihe von dramatiſchen Dichtern zur hoöchſten Vollendung ſich emporgeſchwungen und als Verbeſſerer(ſo nennt ihn der Scholiaſt) ſeiner Vorgänger, namentlich des noch mit manchen Un⸗ vollkommenheiten behafteten älteren Zeitgenoſſen Aeſchylus, ſich den Siegeskranz errang, wie denn des Sophokles Stücke zum großen Theil Fortbildungen von Stücken der Früheren, namentlich des Aeſchylus waren, was z. B. eine Vergleichung der Elektra mit den Choephoren des Aeſchylus aus⸗ weiſt. Darum findet auch, was Ariſtophanes den Aeſchylus von ſich und ſeinem Verhältniß zu ſeinem Vorgänger Phrynichus ſagen läßt: AAXN Pry yO, y eg ro ho e rod MlƷον IHverxon ας˙ etc. ¹),
in gleicher Weiſe auf Sophokles und ſein Verhältniß zu früheren Dichtern ſeine Anwendung. Shakſpeare's Vorgänger, ſelbſt Peele und Marlow, wenn gleich der letztere, ob der titaniſchen Kraft, womit er die Leidenſchaft zeichnete, der engliſche Aeſchylus genannt worden, haben ſich vom Stofflichen nie ganz losreißen und in die freieren Regionen einer höheren Kunſtanſchauung empor⸗ ſchwingen können. Auch Shakſpeare iſt von ſeinen Zeitgenoſſen„der Süße, sweet Shakspeare“ genannt worden, aber nur, weil er das maßloſe Sichſelbſtüberbieten der vorſhakſpeare'’ſchen Bluttragödie in die Schranken einer milderen Kunſtform zurückgeführt hat.
Ueberdies hatten die griechiſchen Tragiker treffliche Vorbilder in den Dichtungen Homer’'s(Ari⸗ ſtoteles hat ihn den Erfinder der dramatiſchen Kunſt, der Scholiaſt, den Lehrer des Sophokles genannt), weil er die im Munde des Volkes lebenden Sagen, indem er ſie ſichtete und umgeſtaltete, gleichſam für die Bedürfniſſe des Drama's zubereitet und den Heroen der Mythe den ſcharfgezeichneten Ausdruck gegeben hat, den ihnen die griechiſche Tragödie der beſſeren Zeit bewahrte ²2). Welch' eine Quelle aber, Homerl jenen trockenen Chroniken und unbekannten Novellen gegenüber, aus denen Shakſpeare zum großen Theil ſeine Stoffe geſchöpft. Man könnte mit Mrs. Montagu die alten Tragiker mit Malern vergleichen, welche die vollendeten Statuen eines Phidias und Praxiteles,
1) Ariſt., Fröſche, v. 1334. 2) Die Behandlung des Mythus und der Charaktere, beſonders aber die epiſche Haltung der griechiſchen Tragödie weiſen auf den Einfluß dieſes Dichters hin.


