Aufsatz 
Shakspeare und die tragische Kunst der Griechen / Stigell
Entstehung
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und Shakſpeare mit jenen, welche die hölzernen Figuren der unbedeutenden Chroniken zu copiren hatten ¹).

§. 3. Poetiſche Weltanſchauung.

Wenn die dramatiſche Poeſie überhaupt uns den Menſchen in ſeinem Denken und Fühlen, ſeinem Thun und Schaffen gleichſam im verkörperten Bilde vor die Seele führt, ſo war und iſt es die Auf⸗ gabe der ernſten Tragödie, denſelben insbeſondere in ſeinem Verhältniß zur göttlichen Weltordnung darzuſtellen. Natürlich tritt hier der in die Volkspoeſie, an welche das griechiſche und engliſche Theater anknüpfen, übergegangene Volksglaube in die Darſtellung und gibt dieſer ihr eigenthümliches Gepräge. Den Griechen wie den Neueren iſt der Menſch ein freies, ſich ſelbſt beſtimmendes Weſen. Dieſem freien Wollen des ſterblichen Individuums gegenüber tritt in der antiken Auffaſſung das Göttliche in Geſtalt eines ſtarren Geſetzes, einer unüberſteiglichen Schranke, einen Widerſpruch ſetzend zwiſchen des Menſchen Wollen und deſſen Loos. Dieſer Widerſpruch erſcheint in der Idee des Schickſals, wie ſie in Aeſchylus und Sophokles, minder klar in Euripides, zur Durchbildung gekommen iſt. Er wird, indem das Verhängniß, die individuelle That verwiſchend, Frevel und Verbrechen in ganzen Ge⸗ ſchlechtern rächt, zum Grund des Leidens für den Menſchen. Das rächende Walten des Geſchickes, das in der Atridenfabel des Aeſchylus zunächſt als Pflichtencolliſion, als mehr äußerliches Leiden, ſich zu erkennen gibt, ſofern der vom Schickſal Getroffene durch keine Gewiſſensbiſſe gefoltert wird (Oreſt), geſtaltet ſich furchtbarer bei Sophokles, beſonders in der Labdakidenfabel, wo ſich zum Leiden des Helden durch getrübtes Erkennen und Selbſttäuſchung das ſchneidende Schuldbewußtſein ge⸗ ſellt, das wie ein Geier am Herzen nagt(Oedipus). Das Leiden eines Helden, der vom Geſchicke verfolgt, auch wenn er dieſem entfliehen will, ſtets aufs neue wieder ſich in die Netze dieſes Geſchickes verſtrickt, iſt der Gegenſtand der griechiſchen Tragödie. Daher jene öfter wiederkehrende, haltloſe Klage des dem Geſchick Verfallenen, jenes Gefühl unendlicher Klein⸗ heit und Nichtigkeit der Sterblichen der allmächtigen Möra gegenüber, wie dies z. B. der Chor im Agamemnon des Aeſchylus ensſpricht

1.... Mag's immer denn ſein,

Wie es fei, es erfüllt das Verhängte ſich doch; Nicht Spend' und Gebet, nicht Zauber beſchwört, Nicht Thränen vertilgen den lanernden Zorn Der ſühnevergeſſenen Gottheit ²).

Anders in der Tragödie des Shakſpeare. Nach ſeiner Weltanſchauung hat die Gottheit in ewiger Beſtimmung beſchloſſen, die Willensakte des Sterblichen in ſo weit zu reſpektiren, daß das gött⸗ liche Wollen und Thun zugleich durch das menſchliche vermittelt werde, ſo daß ein Wechſelverkehr ſich gründe zwiſchen dem Unendlichen und Endlichen, wobei die Gottheit ſich vorbehalten, die menſchliche Selbſtbeſtimmung zu benutzen, um mit göͤttlichem Auge die Geſchicke der Menſchen im Großen zu lenken. Ein Widerſpruch des Göttlichen und Menſchlichen, der ſich in der alten Tragödie als Kampf mit dem Geſchicke, als Leiden, offenbart, tritt im chriſtlichen Bewußtſein nur dann ein, wenn der menſchliche

1) Mrs. Montagu, Au Essay on the Writings and Genius of Sh. Lond. 1770, pg. 67. 2) Agam. I. Chor, 5. Strophe.

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