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des Volkes hervorgegangene ſpaniſche Theater verdankt ſeine Blüthe Männern, die mit dem Geiſte des Alterthums auf's innigſte vertraut waren; es kann aber nicht gelten für's engliſche Theater des Shakſpeare: denn, wenn auch ſeit 1520 eine Anzahl von antiken Stücken durch Ueberſetzungen be⸗ kannt geworden waren, ſo hatten dieſe doch kaum einigen Einfluß auf die Shakſpeare'ſche Kunſt, viel⸗ mehr ſtand der britiſche Dichter auf dem Boden des durchaus ſelbſtſtändigen Volkstheaters, gegen wel⸗ ches jene Richtung, welche der claſſiſchen Form ſich näherte, wenngleich vergeblich, ankämpfte ¹). Shak⸗ ſpeare bedurfte der Vorbilder nicht, ſein Genius genügte ſich ſelbſt. Aber, wie er auf der einen Seite jedem fremden Einfluß fern ſtand, ſo wurzelt ſeine Dichtung, gleich jener der Griechen, um ſo tiefer im Herzen des Volkes. Wie das griechiſche Theater, das aus dem Bakchusdienſte und den Vorſängern des Dithyrambus(àmd v 56vre» o eS5ptoy, Ariſtoteles), alſo aus dem religiöſen Leben des Volkes hervorgegangen war, ſo führt auch das moderne Theater ſeinen Urſprung auf die Ceremonien zurück, welche das chriſtliche Bewußtſein geheiligt hatte. Aber während bei andern euro⸗ päiſchen Nationen dieſe Merkmale ſeines Entſtehens zum Theil durch den Einfluß des Fremden ver⸗ wiſcht, oder, wie beim franzöſiſchen claſſiſchen Theater geradezu ausgelöſcht erſcheinen, trägt das griechiſche wie das Shakſpeare'ſche Theater deutlich die Spuren ſeines Urſprungs im tiefſten Leben des Volkes, welches es repräſentirt und abſpiegelt. Der mythiſche Stoff der alten Tragödie, ihr lyriſcher Chor, der Tanz und muſikaliſche Vortrag, ſind ſie nicht offenbar Erſcheinungen, die in der urſprünglichen Entwicklung des Drama's begründet, aus dem Volksgeiſt hervorgewachſen ſind? Auch bei Shakſpeare weiſt das Verweben überſinnlicher Weſen und Geiſter in die Darſtellung, die freie Behandlung des Ortes und der Zeit, die Miſchung des Tragiſchen und Komiſchen, die Einführung des Clown ꝛc. auf den Urſprung des Theaters und die Bedürfniſſe des Volkes hin, welche hier wie dort volle Berückſich⸗ tigung fanden. Shakſpeare hat der modernen Zeit Genüge geleiſtet, und ſeine Kunſt läßt uns im Spiegelbild das Zeitalter ſchauen, in welchem er dichtete; aber er ſteht auch mit feſtem Fuße auf dem Boden volksthümlicher Ueberlieferung und iſt deßhalb der Dichter zweier Welten genannt worden.
Wir haben vom mythiſchen Stoffe der griechiſchen Tragödie geſprochen. Ihr lagen faſt aus⸗ ſchließlich die Kataſtrophen zu Grunde, welche die alten Königsfamilien heimgeſucht haben. Was ſonſt mit hereingezogen wurde, das hatte wenigſtens eine innige Beziehung auf die griechiſchen Heroen. So die Perſer des Aeſchylus. Shakſpeare iſt in der Wahl des Sujets ſeiner Tragödien freier, als die an heimiſche Stoffe gebundenen Griechen. Aber er war dabci von gleichem Geſichtspunkte ausge⸗ gangen. Jene gingen zurück auf ein kräftiges, einer früheren Cultur⸗ und Bildungsperiode angehöriges Geſchlecht, das ſich um ſo mehr für dramatiſche Behandlung eignete, als die Sage bereits den Schleier der Poeſie um daſſelbe gewebt hatte; ein Geſchlecht, das die Leidenſchaften in ſchärferen Umriſſen zeigte, in dem die Tugenden und Laſter offener einander gegenüber ſtanden; ein Geſchlecht endlich, in welchem die Seele dramatiſcher Geſtaltung, raſche That, nicht Formen und Worte, waltete. Auch Shakſpeare's männliche Muſe blickt aus einer jugendlich friſchen Zeit zurück auf eine an Kataſtrophen reiche Epoche, und mit kräftiger Hand zeichnet ſie nervige Charaktere, wogende Leidenſchaften, die ſich in gewaltigem Streite an einander meſſen.
Das Zeitalter, in welchem Aeſchylus und Sophokles dichteten, war der Entfaltung der
1) Collier, hist. I. Bd. pg. 334. 3 1*


