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form zu verdrängen, die auf fremdem Boden entſproſſen, dem deutſchen Volksgeiſt ſo ſehr widerſprach, daß nur die allgemeine Ohnmacht der Nation in der Sphäre produktiver Thätigkeit die Einführung derſelben erklären kann. Die größten Geiſter unſeres Volkes, Wieland, Herder, Leſſing, Schiller, Goethe haben zuſammengewirkt, Deutſchland mit dem Sänger vom Avon vertraut zu machen, und es hat die junge Pflanze unſerer claſſiſchen dramatiſchen Literatur, ſich anlehnend an jenen kräftigen Stamm des Nordens, ſicher und raſch zur Reife ſich entfaltet.— Einen längeren Kampf hatte das germaniſche Drama gegen die ſogenannte claſſiſche Tragödie in Frankreich zu beſtehen, wo dieſe nichts weniger als volksthümlich war, aber an die glänzenden Zeiten Ludwigs XIV. erinnerte und von Hof und Adel geſchützt wurde. Von Voltaire bis auf die politiſche Umgeſtaltung von 1830, nachdem(1827) V. Hugo's Vorrede zu ſeinem Cromwell erſchienen und Vigny'’s wörtliche Ueberſetzung des Othello(1829) auf dem théatre français zur Aufführung gekommen war, mußte die claſſiſche Tragödie allmählich den modernen Grundſätzen der auf Shakſpeare fußenden Romantik weichen.
So hat der Genius des britiſchen Dichters tief im Herzen der modernen Culturvölker Wurzel geſchlagen;„er hat, gleich den Eroberern des Alterthums, die modernen Nationen Stamm um Stamm überwunden“(Cornwall), und überall ſein ſiegreiches Banner aufgepflanzt. Hätte es wohl einem „Barbaren“ und„regelloſen Genie“(denn dieſe und ähnliche Bezeichnungen hatten die Freunde der claſſiſchen Schule auf Sh. angewandt, wenn ſie gleich demſelben Größe und erhabene Schönheit nicht abſprechen konnten ¹), gelingen können, der Gegenſtand der Bewunderung der verſchiedenen Geſchlechter und Nationen zu werden, hätte er nicht, wenn auch gleichſam unbewußt und inſtinktiv, jene ewigen Geſetze beachtet, ohne welche die Kunſt aufhören würde Kunſt zu ſein, jene Geſetze, die auch Aeſchylus und Sophokles befolgt haben, obgleich die Kunſtregeln erſt ſpäter von Ariſtoteles formulirt und aufgezeichnet worden ſind?„Si le système romantique,“ ſagt Guizot mit Bezugnahme auf das Theater des Shakſpeare,„a ses beautés, il a nécessairement son art et ses règles ²).“ Wir haben dieſes Urtheil des franzöſiſchen Kritikers zu dem unſern gemacht und uns zur Aufgabe geſtellt, im Folgenden zu zeigen, daß die Beobachtung allgemein giltiger Geſetze, zu welcher ſein Genius in unmittelbarſter Weiſe den britiſchen Dichter geführt, durchaus keine zufällige war, und wir werden die Verhältniſſe, unter denen er dichtete, und ſeine darnach ſich modifizirende Kunſtauffaſſung an der Hand der Alten nachzuweiſen ſuchen ⁵).
§. 2. Vorbilder, Sujets, Quellen ꝛc.
Es iſt öfter bemerkt worden, das moderne Theater habe ſich nur durch den Einfluß des antiken zu ſeiner Reife erheben können 4). Im allgemeinen mag dies gelten, und ſelbſt das aus dem Leben
Rins
1) Voltaire ſagt von Sh.:„Sh. créa le théatre; il avait un génie plein de force et de fécondité, de naturel et de sublime sans la moindre étincelle de bon goüt et sans la moindre connaissance des règles.“ Lettres sur les Anglais, 18 Br. Bd. VII.(6d. 1817).
2) Guizot, Shakspeare et son temps. Paris 1852, pg. 139.
3) Wir ſtellen hier nur die ernſten Dramen Sh's, welche den Charakter des Trauerſpiels tragen, der Tragödie der Griechen gegenüber.
4)„Die Geſchichte des neueren Schauſpiels weiſt überall aus, daß die dichteriſche Natur der Völker, wenn auch die urſprüngliche Zeugungskraft, doch nirgends mehr die Reifungsfähigkeit hatte, ohne das Impfreis der alten Kunſt dem Drama eine genießbare Frucht abzugewinnen.“ Gervinus, Sh. I. Bd. pg. 100 ff.


