Shakſpeare und die tragiſche Kunſt der Griechen.
Von
Libera per vacuum posui vestigia princeps, Non aliena meo pressi pede. Qui sibi fidit, Dux regit examen.
Hor. Lib. I. Epist. XIX, 21.
§. 1. Einleitung.
„Verſchmaͤhet nicht die nach den Meiſterwerken der Alten entworfenen Regeln der Kunſt, aber ſeid ihnen nicht ſclaviſch unterthan;.... ſie ſind gut, aber ein un⸗ bedingter Werth kommt ihnen nicht zu).“— Mit dieſen Worten war bereits Marmontel jener dramatiſchen Schule entgegengetreten, welche das Alterthum und deſſen tiefen, ſinnigen Geiſt ver⸗ kennend, in der Beobachtung ggewiſſer conventioneller Formen und Regeln das einzige Heil für das moderne Theater zu finden glaubte, und hat zugleich jener Kunſtform das Wort geredet, als deren Repräſentant Shakſpeare erſcheint. Frei von den beengenden Feſſeln des Herkommens, aber im Geiſte um ſo inniger mit den Alten verwandt, iſt dieſer der Schwerpunkt des modernen Drama's ge⸗ worden, und ſeinen genialen Schöpfungen mußte die ſogenannte claſſiſche Tragödie der Franzoſen weichen. Wie er gleich bei ſeinem Auftreten die Herzen ſeiner Nation gewann, ſo iſt er auch jetzt der Liebling, der Stolz des Engländers. Dies beweiſt die große Zahl der zum Theil glänzend ausgeſtatteten Aus⸗ gaben ſeiner Werke, ſowie der kritiſchen und äͤſthetiſchen Schriften, die ſich an ſeinen Namen knüpfen; dies beweiſt das Bemühen der Shakspeare-Society, alle Documente, die entfernt auf den Dichter Bezug haben, zu ſammeln und zu veroͤffentlichen; dies zeigt ſich in der faſt abgöttiſchen Verehrung, welche die Nation allen Erinnerungszeichen des Dichters, gleich heiligen Reliquien, erweiſt. Mit faſt gleicher Vor⸗ liebe hat Deutſchland den ſtammverwandten Dichter aufgenommen. Hier galt es, eine dramatiſche Kunſt⸗
1)„Ne méprisez pas les règles tracdes d'après les anciens, mais n'en soyez pas esclaves;... elles sont bonnes, mais elles ne sont pas exclusives.“ Marmontel, L'esprit de Tencyclopédie, art.: Critique.


