1o0 9
Schiller war kein Gelehrter; ſo wenig, daß er die Griechen nicht in der Urſprache leſen konnte. Eine ſchonungsloſe Facherziehung hatte ihin die Kenntniß der griechiſchen Sprache und Literatur vorenthalten. Und doch kann ein Deutſcher, der, wie Schiller ſeinem modernen und nationalen Charakter treu bleibt, kaum griechiſcher dichten, als er es gethan. Schiller war anch kein 21⁶‿εοοα‿ντοs, ſtrenger Schulzwang und ſpäter enge Verhältniſſe hatten ihn von der Beobachtung großer Menſchen, mächtiger Leidenſchaften und weitreichender Wirkungen fern gehalten. Und doch welche Großartigkeit der Charaktere und Verhältniſſe, welche elementare Leidenſchaft in ſeinen Darſtellungen! Er ſelbſt geſteht, in ſeinen Räubern habe er zwei Jahre früher Menſchen zu ſchildern unternommen, ohe er welche geſehen, und es fragt ſich nur, wie das möglich iſt; wie es möglich iſt griechiſch zu dichten, ohne das Griechiſche erlernt, und die Welt darzuſtellen ohne ſie berührt und ihr wechſelvolles Leben erfahren zu haben. Ich antworte: es iſt möglich durch die Kunſt, d. h. durch Anſchauung und Verſtändniß des Ideals. In ihm fand und begriff er die griechiſche Cultur, ehe er ihre Werke kannte, ja vielleicht ehe er wußte, daß ſie griechiſch war, in ihm fand erall die menſchliche Kraft, Größe und Freiheit vorgebildet die ſeine Werke athmen. Ein Dichter iſt in höherem Sinne ein Kind Gottes und des Geiſtes ſeiner Zeit; und ſo im Geiſt empfangen und geboren lebt er im Geiſt und ſchaut im Geiſt; er umfängt mit dieſem Schauen die ganze Welt, er lebt das Leben nicht eines Menſchen, ſondern der ganzen Menſchheit durch: er hat auf den Thronen der Könige geſeſſen, und wär er in der Hütte geboren; er hat des Elends Blöße und des Drangſals Hitze getragen, ob auch ſein Leben gleich und heiter dahinfloß; er hat Vater und Mutter verloren, und hätt' er ſie noch nie gemißt, er hat Weib und Kind geliebt, und ſtänd' er noch ſo einſam in der Welt. Im Geiſte hat er das alles erſchaut, im Geiſte erfahren, und in ſüßem Rückerinnern erzählt er es uns, und wir lachen mit ihm, weinen mit ihm, auch uns thut er im Geiſte an, was ihm im Geiſt geſchehen, auch uns erhebt er in die Sphäre des Ideals, wo die volle Menſchlichkeit ſich uns erſchließt, auch uns macht er auf Stunden, auf Tage— und je länger je beſſer— zu Seinesgleichen, zu Dichtern, indem er uns das Ideal vermittelt, das nun bildend und geſtaltend unſer Inneres ergreift. Das iſt des Dichters, das iſt vor allen Schillers Größe, der gerade in dieſer aprioriſchen An⸗ ſchauung, in der Innerlichkeit ſeines Schöpfungsquells ſeine moderne Selbſtſtändigkeit den be⸗ wunderten Griechen gegenüber behauptete. Er hatte die Begriffe eher, als er ihre Daſeinsfor⸗ men kannte, und ſein an Begriffen geübter und vorbereiteter Geiſt fand in den Erſcheinungen der geſchichtlichen Welt nur alte Bekannte aus der Welt ſeiner Ideen.
Dem entſpricht denn auch die heutige Methode der Bildung. Freilich bedürfen wir noch immer der Gelehrſamkeit und der geiſtigen Kraft, welche der Gelehrſamkeit entſpricht, d. h. der Receptivität; aber wir erkennen leicht ihre verderbliche Wirkung, wo ſie ſich ſelbſt⸗ ſtändig zu etabliren und wohl gar in der wüſten Bequemlichkeit des Leſens die Oberhand zu gewinnen Miene macht. Das iſt die geiſtige Völlerei. Da liegt der Menſchengeiſt leidend unter dem aufdringlichen Stoff, wie die Pflanze den Elementen und, als deren Stimmungen, dem Wetter leidend gegenüberſteht. Die Pflanze aber erfüllt damit ihren Zweck und bleibt


