Aufsatz 
Über Schillers Bedeutung für die heutige Bildung. Rede am Schillerfest
Entstehung
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deßhalb eben geſund und wird in ihrer Entwickelung gefördert: nicht ſo der Menſch, der ſeinen Zweck verfehlt, der kränkelt und gehemmt wird, wenn er ein Werther anderen Schlags ſich hingiebt an den Stoff, die Energie der Perſönlichkeit auflöſt und ſo das geiſtige Leben zurückfließen läßt in ſeine Elemente. Das iſt die Form des ſinnlichen Lebens auf dem Gebiete des Geiſtes, alſo kann Gelehrſamkeit, auf gleicher Stufe mit dem durch ſinnliche Wahrnehmung vermittelten Gefühl, nur der Leib der Bildung ſein.

Daher unternimmt man es nicht mehr aus einer Maſſe von Einzelkenntniſſen eine Bil⸗ dung wie aus Backſteinen aufzubauen eine ägyptiſche Königspyramide, die Königsleiche aber, die darunter liegt, iſt der vernachläſſigte, durch die Maſſe des Einzelnen erdrückte Geiſt; ſondern man weiß es, daß Bildung nicht von außen herangebracht werden kann, daß es der Geiſt ſelber iſt, der gebildet, der mit Begriffen, als mit ſeiner Nahrung, genährt, der an dem ſtofflichen Wiſſen nur geübt werden ſoll zu dem Bewußtſein jener einwohnenden Form⸗ und Aneignungskraft, die vor keinem Räthſel des Lebens oder der Wiſſenſchaft zurück⸗ bebt, und der es nicht zu ſchwer fällt auch das fremdartig erſcheinende ſich zu eigen zu machen. Wo das Bewußtſein oder das Gefühl dieſer Kraft und das Bedürfniß ihrer Bethätigung der Formtrieb, wie Schiller ſich ausdrückt, zum Wiſſen treibt, da geſchieht das Lernen mit Segen; aber ſein Ergebniß iſt dann auch nicht todte Gelahrtheit, die den Geiſt zur Vorrathskammer herabſetzt, ſondern jenes volle, hohe Leben, das in ſteter Ueberwindung des Ewigblinden ſich als göttlichen Urſprungs legitimirt, und das wir in ſeiner höchſten Gottesnähe nur mit dem vom göttlichen Weſen entlehnten AusdruckSchaffen glauben bezeichnen zu können. Auf dieſem Wege ſind auch unſere Gelehrtenſchulen wieder zu rechten Gymnaſien geworden; man kann ſie den Turnanſtalten vergleichen, den Gymnaſien der Körper. Der Wiſſensſtoff ſind Reck und Barren, an denen der Geiſt ſich üben ſoll, aber die Uebung iſt die Hauptſache, nicht der Apparat.

Wenn die Vorſehung unſern Schiller gewürdigt hat dieſen Fortſchritt in unſerer Ent⸗ wickelung am vollkommenſten und reinſten zu bezeichnen, ſo haben wir nächſt Gott ihm die Ehre zu geben an dem Tage, der nicht von einem Lande, nein von einer großen, edeln von einer über den ganzen Erdkreis verbreiteten Nation ſeiner Erinnerung geweiht wird.

Er hat uns gelehrt, daß die Bildung eine Kunſtübung iſt, daß wir alle Künſtler ſind, ſoweit wir an unſerer Bildung arbeiten, aber auch, daß wir als Kunſtwerke aus unſerer eigenen redlichen Arbeit hervorgehen ſollen. Wie der Künſtler in einem fremden Stoff, ſo ſollen wir in uns ſelbſt das Ideal darſtellen, indem wir unſer Inneres mit ihm erfüllen und das ſo erfüllte nach ihm geſtalten. In dieſer Uebereinſtimmung zwiſchen Innerem und Aeußerem, zwiſchen Gehalt und Geſtalt beruht das Wahre wie das Schöne, beruht die ſittliche wie die äſthetiſche Vollendung, beruht das Werk der Bildung, wie das Werk der Kunſt. Kein Künſtler aber arbeitet in ſo geiſtigem Stoffe, wie der Dichter, keiner ſtellt wie er die geiſtige Perſönlichkeit, keiner wie er das ſittliche Ideal dar, darum gehe ich weiter und ſage: das Werk unſrer Bildung iſt ein Werk der Poeſie und wir alle ſind Dichter, ſo

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