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geſetzt hat. Da werden Bücher geſchrieben werden, die wir nicht abwarten können; daher muß es uns erlaubt ſein ein allgemeines Urtheil vorweg zu ſprechen. Dieſes Verdienſt Schil⸗ lers, bisher am wenigſten anerkannt, iſt keineswegs unbedeutend. Es iſt eben das Verdienſt ſeines poetiſchen Genius, daß Schiller den alten Irrthum der deutſchen Geſchichtſchreibung mied, den Irrthum daß Geſchichtſchreibung nur Geſchichtsforſchung, oder gar Daten⸗ ſammlung ſei. Er konnte ſeiner ganzen Natur nach nicht anders, er mußte die Auffaſſung des poſitiven Inhalts und ſeine Darſtellung zur Hauptſache machen. So ſchaut er von der Höhe der Freiheitsidee auf die niederländiſchen wie auf die dreißigjährigen deutſchen Kämpfe hinab, nirgend des Ziels vergeſſend, das die ringende Menſchheit in Zorn und Angſt des Kampfes doch oft ſelbſt vergaß. Dadurch tritt der ideelle Gehalt der Geſchichte in ſein ihm gebührendes Recht, während die Darſtellung, welche die gehaltreichſten Züge in drama⸗ tiſcher Lebendigkeit ausführt, den Leſer um ſo mehr feſſelt, als dieſer an der Geſchichte ein Ergötzen findet, wie er es bisher nur an dramatiſchen Kunſtwerken gewohnt war.
Ebenſowenig wie Hiſtoriker war Schiller Philoſoph von Fach, aber er philoſophirte wie er Geſchichte ſchrieb, d. h. als Dichter. Seine philoſophiſchen Abhandlungen athmen denſel⸗ ben Geiſt, wie ſeine lyriſch⸗didactiſche Dichtung. Dort wie hier empfiehlt er die Schön⸗ heit als die ſiegreiche Verſöhnerin der Gegenſätze in Welt und Leben, dort wie hier ſtellt er die Forderung, daß die Form die Materie aufzehren und vertilgen ſoll. Form und Materie haben aber auch ihre ſubjective Seite, wir nennen ſie Geiſt und Sinnlichkeit. So ſoll nun der Geiſt, als die formale Kraft auch unſere Sinnlichkeit verzehren oder verklären, ſoll unſere Perſönlichkeit zu ihr erheben, die göttlich unter Göttern wandelt, d. h. zur Geſtalt, ſoll uns alſo auf künſtleriſchem Wege ſo um bilden, daß wir den Forderungen wahrer Menſchlichkeit gerecht zu werden anfangen. 1
Und das iſt nun der Wendepunct, den Schiller in der Culturgeſchichte des deutſchen Lebens bildet, daß mit ihm die Kunſt an Stelle der Gelehrſamkeit, das Können an Stelle des Wiſſens zur Grundlage der Bildung wird. Was die Gelehrſamkeit als Hauptfaktor der Bildung vermochte, hatte ſie hinreichend an der ſchleſiſchen Schule gezeigt. Wie ſie ſelbſt ein geiſtiger Aggregatzuſtand iſt, hatte ſie einen lockeren, zufälligen Aggregatzuſtand an die Stelle organiſcher Bildung geſetzt; ein maſſiges ungeordnetes Wiſſen zerſprengte jede Kunſt⸗ form und jede Einheit des Charakters. Der deutſche Geiſt, der nationale wie der individuelle, war ſo buntſchäckig und formlos wie ſeine Sprache und wie Lohenſteins Arminius, der eben darum für ein Muſter des Romanes galt. Jetzt aber„an des vorigen Jahrhunderts Neige“ geſchah die lange vorbereitete Wendung vollſtändig. Selbſt von der Seite, die vorzugsweiſe als Pflegerin der Gelehrſamkeit gilt, ging ein Werk aus, das den Sieg des neuen Geiſtes klar erkennen ließ, ich meine Fr. A. Wolfs Prolegomena zum Homer. Fr. A. Wolf war ein Gelehrter wie wenige, aber groß iſt er erſt dadurch, daß er mehr war als ein Gelehrter, daß er die Eitelkeit nicht kannte, die prunkend bunte Wiſſensſplitter um ſich ſtreut, ſondern ſeine Kenntniſſe in grohen Arſjaſſungen und lebenvollen Anſchauungen Einheit und Geſtalt
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