Aufsatz 
Über Schillers Bedeutung für die heutige Bildung. Rede am Schillerfest
Entstehung
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aus Gemeinem gemacht iſt, ſondern von der Geſtalt bewohnt iſt, dieoben in des Lichtes Fluren göttlich unter Göttern wandelt. In der Geſtalt iſt der Stoff von der Form, der Körper vom Geiſt völlig aufgezehrt und überwunden, die Ueberwinderin aber iſt die Kunſt und ihre Waffe die Phantaſie d. h. die ſchöpferiſche und geſtaltende Kraft des Geiſtes, der ihre Rechte in der Litteratur durch die Sturm⸗ und Drangperiode bereits erſtritten waren.

Aber dieſe Rechte auch für das Leben und für die Bildung durchzuſetzen und zur Aner⸗ kennung zu bringen, das war die Aufgabe unſerer beiden Dichterhelden, vorzüglich Schillers, der als philoſophiſcher Kopf mehr das Allgemeine zu erfaſſen und ins Allgemeine zu wirken berufen war, und daher ſchon durch ſeinen Stil allgemeiner zugänglich und in ſeiner Totali⸗ tät faßbar werden mußte als Goethe.

Man hat Schiller den Idealiſten, Goethe den Realiſten genannt; das klingt, als würde Schillern das ideale, Goethen ausſchließlich das reale Gebiet angewieſen, als hätte es jener nur mit Ideen, dieſer nur mit Wirklichkeiten zu thun. Das iſt aber nicht die Meinung, ſondern der angegebene Unterſchied iſt ein Unterſchied des Stiles. Idealität und Realität ſind beide nothwendige Faktoren der Kunſtſchöpfung; in der Art aber, wie dieſe beiden Fak⸗ toren in Beziehung und Wechſelwirkung geſetzt werden, zeigt ſich der Kunſtſtil. Das Kunſt⸗ werk entſteht entweder durch Realiſirung des Ideals, oder durch Idealiſirung der Wirklichkeit, je nach dem Stile ſeines Schöpfers. So ſtrebt bei Schiller das Ideal in die Form der Wirklichkeit, bei Goethe die Wirklichkeit in die Form des Ideals einzugehen, oder um unſerer bisherigen Anſchauung treu zu bleiben: Schiller verpflanzt ſeine ſittlichen Ideale, Goethe ſeine ſinnlichen Wahrnehmungen und Lebenserfahrungen auf das Mittelgebiet des Schönen, auf welchem ſich Idealismus und Realismus vermählen. Man hat alſo jene Namen nach den Ausgangspunkten oder nach dem überwiegenden Faktor gegeben; gäbe man ſie nach dem Ziele, ſo würde Schiller der Realiſt, Goethe der Idealiſt ſein.

Letzterer erzählt ſelbſt, er habe von Gott die Gabe empfangen die äußere Natur als Bild zu ſehen, was doch nichts anderes heißt, als daß er das ungeordnet Viele und Unbe⸗ grenzte durch ſeine ſchöpferiſche Anſchauung zur wohlgruppirten Einheit des Kunſtwerkes um⸗ ſchuf. Das iſt aber idealiſiren; denn dieſe Einheit iſt eine ideelle, die ſein künſtleriſcher Geiſt der Landſchaft lieh, indem er dieſe erfaßte als Darſtellung eines göttlichen Gedankens, einer Idee, die dem Dichter unmittelbar aufging. Und dieſen Stil hat Goethe nicht bloß in der Kunſt, nein derſelbe Stil wiederholt ſich in ſeiner naturwiſſenſchaftlichen Forſchung. Auch da ſieht er in dem Mannigfaltigen der Erſcheinung ſtets die Einheit der Idee, weil er den Ge⸗ danken des Schöpfers ahnt, der durch ſeine Verbindung mit der widerſtrebenden Materie nur verdunkelt iſt.

Wie nun Goethe vermöge dieſes ſeines Kunſtſtils ſelbſt in der Wiſſenſchaft, ohne ein Mann vom Fach zu ſein, Großes gethan und hochwichtige Wahrheiten entdeckt hat, ſo hat auch der ſchillerſche Genius ſeine Art und Weiſe an wiſſenſchaftlichen Gebieten bethätigt, an der Geſchichte und an der Philoſophie. Die Münchener Akademie iſt es wohl, die vor kur⸗ zem einen Preis auf die beſte Würdigung der Verdienſte Schillers um die Geſchichtſchreibung