Aufsatz 
Über Schillers Bedeutung für die heutige Bildung. Rede am Schillerfest
Entstehung
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Zuſammenhange mit der Natur, in ſeinem Gattungsunterſchiede vom Thier erfaßte. Die daraus abzuleitende Forderung, daß der Menſch Menſch, d. h. mehr als Thier ſein ſoll, reicht nicht aus Weſen und Ziel der Bildung zu beſtimmen. Dazu gehört ein anderes Soll, eine andere Forderung, ich meine den kategoriſchen Imperativ, wie Kant die ſubjective Form des allgemeinen Sittengeſetzes nannte, in welcher dies letztere dem Menſchen einwohnt. Wie Leſſings Kunſtkritik das äſthetiſche Maß in das Kunſtwerk ſelbſt verlegt hatte, ſo legte nun Kants philoſophiſche Kritik das ſittliche Maß, die ſittliche Entſcheidung in die Erkenntniß und in den vernünftigen Willen des Subjects. Indem er aber ſo die Sittlichkeit zur Sache des Einzelnen machte, war doch zugleich auf das allgemeine Ziel der Bildung klar genug hinge⸗ deutet. Denn wir brauchen uns nur die Forderungen des kategoriſchen Imperativs erfüllt zu denken und dieſen Gedanken einer allſeitigen und ſteten Erfüllung uns gegenſtändlich zu machen, ſo haben wir das ſittliche Ideal.

Zunächſt aber konnte dies Ideal in ſeiner Unerreichbarkeit dem Menſchen nur als drücken⸗ der Vorwurf gegenüberſtehen. Zwiſchen Ideal und Leben klaffte dergrauenvolle Schlund, von dem Schiller ſingt, und wo war die Macht ihn auszufüllen, oder zu überbrücken? Schon anderthalb Jahrzehende früher hatte man dies Hemmniß tief empfunden, wenn auch nicht klar erkannt, und die Strömung des deutſchen Geiſtes hatte ſich vor demſelben zurückgeſtaut in jene Empfindſamkeit, die, wie Goethes Werther am deutlichſten beweiſt, weſentlich Verzweif⸗ lung iſt, Verzweiflung an der Erfüllung des ſittlichen Menſchenberufes. Jetzt aber lag die Kluft klar aufgehellt, an welcher die deutſche Bildung ſtand, drüben gefordert und hüben gehalten, getrieben durch das Geſetz des Fortſchritts und doch gekettet an den Ewigblinden, da fehlte der brave Mann, ihr heraus⸗ und hinüberzuhelfen. Schiller, daß ich es gleich ſage, war dieſer brave Mann, der, indem er durch langes und ſchweres Ringen ſich ſelbſt weiterhalf, der Bildung ihren Weg bahnte. Ein Odyſſeus des Geiſtes ſehnte er ſich fort aus den ogygiſchen Banden des Ewigblinden, wagte es ſich den ungewiſſen Wellen anzuver⸗ trauen, und in ſeinem GedichteReſignation ſchildert er uns, wie er Stück für Stück die Gaben der Kalypſo und mit ihnen ſie ſelbſt von ſich wirft, um ſich ganz der rettenden Leuko⸗ thea anzuvertrauen. Dieſe Leukothea war die Kunſt, ihre Zauberkraft hielt den Ringenden über Waſſer und führte ihn endlich an das Gebiet des Schönen, das Wundereiland der Nau⸗ ſikaa, von deſſen Geſtade er, glücklicher als Odyſſeus, eine Freundeshand ausgeſtreckt fand, die ihm hinauf half.

Goethe, der Götterliebling, hatte von der andern Seite das Eiland des Schönen er⸗ reicht, aber er hatte es nur für ſich erreicht; leicht und ſpurlos getragen hatte er den Weg unbezeichnet hinter ſich gelaſſen, während Schiller den ſeinen für die Menſchheit und für alle Zeiten kenntlich gemacht hatte. Das macht: jener war den frei geſchwungenen Weg der Natur, dieſer den ſtrengen Weg der Vernunft und des Willens gegangen. Beide Wege ver⸗ einigten ſich und ihre Waller im Lande des Schönen, in welchem der Zwieſpalt zwiſchen Naturtrieb und Vernunft, zwiſchen Sinnlichkeit und Sittlichkeit, zwiſchen irdiſcher Knechtſchaft und geiſtiger Freiheit aufhört, weil es nicht vom Körper, vom körperlichen Menſchen, der