Aufsatz 
Über Schillers Bedeutung für die heutige Bildung. Rede am Schillerfest
Entstehung
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klein, wie engumſchränkt iſt das Gärtchen, aus dem dieſe Blüte erwachſen iſt! Es iſt der enge Kreis höfiſcher und ritterlicher Sitte, der nur eine vorübergehende Lebenswahrheit haben konnte, deſſen Inhalt ſich bald ausleben und erſchöpfen mußte.

Das Reformationszeitalter, das für die neue Cultur den Grund geſäubert und gelegt hat, fand noch zu viel umzuſtürzen, als daß es bildend hätte vollenden können. Es war die Zeit der vulkaniſchen Naturen, aus denen eine angeborne Gotteskraft ſiegreich hervorbrach um für all das dunkle Sehnen und Bedürfniß im Volk die Fahne einer neuen Zeit aufzupflanzen.

Das nächſte Jahrhundert, das Jahrhundert, in welchem unſere neuhochdeutſche Dichtung ihre erſten Sporen verdiente, war ohne jene vulkaniſche Kraft, welche die Reformationsſtürme heraufbeſchworen und ſiegreich beſtanden hatte, aber es fand nach allmählicher Beruhigung jener Geiſtesbewegungen einen Niederſchlag, auf dem es eine neue Cultur anzubauen ver⸗ ſuchen konnte. Dieſer Niederſchlag war die Gelehrſamkeit. Sie iſt der Mutterſchooß und Anfang unſerer heutigen Bildung; aber Opitz und ſein Jahrhundert irrten darin, daß ſie den Anfang ſogleich für die Vollendung, den Ausgangspunkt für das Ziel hielten. Sie mach⸗ ten die Dichtkunſt zur Trägerin der Gelehrſamkeit, dieſe zum Zweck der Poeſie und verſchul⸗ deten ſo die Verwechſelung von Gelehrſamkeit und Bildung, welche, wenn auch im Ein⸗ zelnen ſchon früher bekämpft, doch durch die vier großen Vorläufer von Goethe und Schiller, durch Klopſtock, Leſſing, Wieland und Herder erſt gründlich beſeitigt wurde.

Wohl ſind auch ſie durch die gelehrte Schule gegangen: Pforta, Meißen, Kloſter Ber⸗ gen heißen die berühmten Anſtalten, in denen die Geiſter der drei erſtgenannten mit dem Marke des Alterthums genährt und mit dem Ehrenſtempel des klaſſiſchen Studiums beprägt wurden; Herder aber, der Autodidakt fand in ſeinem abgelegenen Mohrungen nichts, was ſeiner Wiß⸗ und Leſebegier würdiger geweſen wäre, als die klaſſiſchen Schriften, welche ihm die Bibliothek des Pfarrers darbot. So ward die Gelehrſamkeit auch ihrer Bildung Grund⸗ lage, aber blieb es auch, während die Männer ſelbſt ſich als die vier mächtigen Säulen darüber erhoben, welche die herrliche Doppelkrone deutſcher Cultur tragen ſollten. Und weil ich denn das Bild der Säule gebraucht habe, ſo ſei Klopſtock die glühende Feuerſäule, mit der das deutſche Gemüth den kalten Felsgrund fremder Gelehrſamkeit durchdrang, Leſſing der Kryſtallpfeiler, der das ſcheinbare Einerlei des Bildungslichtes in ſeine klaren Farben⸗ unterſchiede brach, Wieland die Blumenpyramide, welche moderne Anmuth von antikem Ge⸗ rüſte tragen ließ, Herder aber der gewaltige Baum, der in den Himmel wachſen, mit ſeinen Zweigen die Welt umranken möchte, wenn nicht nach dem Sprichwort Gott dafür geſorgt hätte. Doch über den bisherigen Menſchheitshorizont wuchs der Baum hinaus, er breitete ſeine Aeſte über die verſchiedenſten Nationen hin und träumte über ihnen dieſe hohen herr⸗ lichen Träume ſeiner anſchauenden Naturſeele, während in ſeinem Laube der lebendige Gottes⸗ odem wiederklang, der als Dichtung und Geſang durch das Leben der Völker geht.

Allein eben dies Streben ins Allgemeine konnte für die Bildung keinen andern Gewinn bringen, als den Begriff der herderſchen Humanität, die in dem Menſchen nur die Pflicht der Menſchheit, nicht das Recht der Perſönlichkeit erkannte; die den Menſchen in ſeinem