Aufsatz 
Über Schillers Bedeutung für die heutige Bildung. Rede am Schillerfest
Entstehung
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mächten wird mehr anerkannnt, denn es waltet der ſchrecklichſte der Schrecken, das iſt der Menſch in ſeinem Wahn. An dieſe Schilderung knüpft der Meiſter die obige Warnung: Weh denen, die dem Ewigblinden des Lichtes Himmelsfackel leihn, und es kann nun nicht mehr zweifelhaft ſein, daß der Ewigblinde der Menſch iſt von Seiten ſeiner elementariſchen Natur, der Menſch, der ähnlich jener geſtaltlos webenden Metallmaſſe den lichtloſen Stoff, die bewußtloſe Unterlage der modernen Staaten bildet, mit andern Worten der Pöbel. Er iſt unfähig ſich ſelbſtſtändig, d. h. nach bewußten Zwecken zu leiten, alle Beſtimmung, aller bewegende Impuls muß ihm von außen kommen, eine höhere Hand, die weiſe Hand des Meiſters, muß ihn lenken, wenn er nicht unthätig ruhen, oder in regelloſer Krafterregung Schaden und Vernichtung bringen ſoll. 474

Allein was den Pöbel zum Pöbel macht, dieſen der glühenden Erzmaſſe verwandten Urſtoff, tragen wir alle in uns oder an uns, ſofern wir Menſchen ſind. Auch jeder ein⸗ zelne Menſch, und hätte er die höchſte Lebenshöhe erſtiegen, iſt an den Ewigblinden gekettet, an den lichtloſen Stoff, an das willenloſe Element, aus dem unſer Körper gebildet iſt. Denn der Körper mit ſeiner Sinnlichkeit, das iſt, wenn wir am tiefſten greifen, der Ewigblinde, von dem der Dichter ſpricht; die Leidenſchaften bilden ſeine elementariſche Kraft, die, ohne ſelbſtſtändige Bewegung, von äußerem Impulſe erregt den beſſeren Menſchen verderbenbrin⸗ gend überfluten kann: dann wird in ihrer Hand des Lichtes Himmelsfackel entweiht, ſie iſt ewig blind, dieſe Kraft, der beſſere Menſch ſoll für ſie ſehen, der beſſere Menſch ſoll ſie lenken und regieren, ſoll ſie in harmoniſche Formen leiten, wie der Glockengießer das ſiedende Metall.

Aber man ſieht an dem Bilde der Glocke, es kann doch etwas werden aus dem ewig⸗ blinden Stoffe, wenn höhere Einſicht und Menſchenbewußtſein über ihm waltet. Das geſtalt⸗ loſe Metall durch die Vernunft des Menſchen mit einem Zweckbegriff geſättigt wird zur Glocke und tritt ſo in eine unmittelbare Beziehung zur ſittlichen Menſchenwelt. Die jenem Zweckbegriff entſprechende Form hat das Metall aus der Gleichgültigkeit und Einerleiheit der Materie herausgehoben, die Glocke iſt nun ein Bild des Individuums, ja der Perſönlichkeit inſofern ſie ein Inneres, eben ihren Zweckbegriff, mit einer adäquaten Form umſchließt.

So veranſchaulicht uns die Bildung der Glocke die Menſchenbildung, welche Schiller als ſein und unſer höchſtes Erdenziel erkannte, und der er raſtlos nachgeſtrebt, um derent⸗ willen er bis zu ſeinem Tode in Sturm und Drang, in Noth und Verfolgung und in der endlichen Stille des Heimatfriedens an ſich gearbeitet hat. Und weil er das Ergebniß dieſes Bildungſtrebens uns in ſeinen ewigen Werken als die lichte, lautere Geſtalt ſeines Innern, eine Geſtalt voll Ebenmaßes und Schönheit, dargeboten, weil er uns das Ideal wahrer Menſchenbildung faſt greifbar vor Augen geſtellt hat: darum dürfen wir, als Angehörige einer Bildungsanſtalt freilich nicht die letzten ſein, ſein Feſt zu feiern.

Der Begriff der Bildung war vor Schiller dem deutſchen Geiſte nicht in ſeiner vollen Glorie aufgegangen. Freilich hatte ſchon das Mittelalter ſeine Geiſtesblüte, die uns ſo duftig und ſo glänzend anlächelt aus dem Minneliede, wie aus der ritterlichen Epopöe; aber wie