Aufsatz 
Über Schillers Bedeutung für die heutige Bildung. Rede am Schillerfest
Entstehung
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Denn Schiller iſt der Lieblingsdichter der Jugend. Das mächtige Ringen ſeiner Charaktere, der Glanz ſeiner Darſtellung, der hinreißende Tanz ſeiner Rhythmen, alles das feſſelt den jugendlichen Sinn, mehr aber und nachhaltiger noch feſſelt ihn dieſer geiſtige Aether, den er in Schillers Gedichten einathmet, dieſe Himmelsſphäre, die nichts von gemeiner Wirklichkeit in ſich aufkommen läßt. Ich denke, wer Schiller auf einem hohen die Landſchaft beherrſchen⸗ den Berge lieſt, der muß ihn beſſer verſtehen als andere. Wie iſt da alles kleine Erdenweh ſo tief unten geblieben, das Gemeine abgeſtreift, die Anſchauungen werden ſo groß, die Bruſt ſo weit, und man weiß nicht, kommt das von innen oder von außen, von der Bergeshöh oder von Schillers Geiſteshoheit. Es kommt aber von beiden Seiten, man iſt gleichſam umarmt von der einen Wirkung, Geiſt und Körper, gleichmäßig berührt, vereinigen ſich in einem unausſprechlichen Wohlgefühl.

Schiller hat uns dieſen Charakter ſeiner Muſe unverhüllt in ſeinem Pegaſus im Joche angedeutet. Nichts Irdiſches darf das Dichterroß berühren, ſobald es zu gemeiner Nützlichkeit, ich ſage lieber im Doppelſinn, zu gemeiner Dienlichkeit herabſinkt, iſt es verloren und ver⸗ dorben. Es hat eben ſeine eigene Welt, und die liegt höher als die Menſchenwelt; denn, wie Wallenſtein ſagt,aus Gemeinem iſt der Menſch gemacht. Und dieſer gemeine Stoff, aus dem der Menſch gebildet, iſt für Wallenſteins Heldengrößedas gefährlich Furchtbare um ſeine eigenen Worte zu gebrauchen. Wenn alſo Schiller, ſowohl durch das Beiſpiel des Pegaſus, wie durch jene Worte Wallenſteins, dies irdiſche Gemeine weniger für verächtlich als für gefährlich und furchtbar erklärt, ſo erkennt er damit deſſen elementariſche Gewalt an. Näher wird uns dies gelegt durch eine Stelle der Glocke, über der ein gewiſſes Halbdunkel liegt, ſo lange man ſie nicht in dieſen Zuſammenhang mit der ganzen ſchillerſchen Weltan⸗ ſchauung bringt. Ich meine die Verſe:

Weh denen, die dem Ewigblinden Des Lichtes Himmelsfackel leihn, 1 Sie ſtrahlt ihm nicht, ſie kann nur zünden Und äſchert Städt' und Länder ein.

Der Meiſter, dem ja das ganze Gedicht in den Mund gelegt iſt, kommt zu dieſen Worten im Verlaufe der Vorſtellungen, welche das Zerbrechen der irdenen Form in ihm her⸗ vorruft. Der Meiſter kann die Form zerbrechen, ſagt er, denn er hat die weiſe Hand und weiß die rechte Zeit; doch wehe, wenn das glühende Erz blindwüthend ſich ſelbſt befreit und ſeine Umgebung mit zündendem, verderbenbringendem Strome überquillt.Denn wo rohe Kräfte ſinnlos walten, da kann ſich kein Gebild geſtalten, oder wie er es an einer anderen Stelle ausdrückt:Die Elemente haſſen das Gebild der Menſchenhand. Aber dem Meiſter wird die ganze Handlung des Glockengußes zu einem Bilde des Lebens, und ſo trägt ihn dieſe Vorſtellung der ſinnloſen Kräfte des blindwüthenden Elementes weiter zur An⸗ ſchauung der Völker, die ſich ſelbſt befreien, d. h. der Revolution. In der Revolution wird die elementariſche Menſchennatur entfeſſelt, ihre ſinnloſen Kräfte breiten Verderben und Ent⸗ ſetzen aus, wo bisher der Segen der Ordnung gewohnt hat, und keine von den Himmels⸗