Da zeigte ſich mit umgeſtürztem Lichte An Kaſtor angelehnt ein blühend Polluxbild, Der Schatten in des Mondes Angeſichte, Eh' ſich der ſchöne Silberkreis erfüllt.
Dieſe Verſe aus Schillers„Künſtlern“, in welchen der Dichter nach eigener Angabe zu der Anſchauung einer antiken Dioskurengruppe ein oſſianiſches Bild geſellt, fielen mir ein, als ich mich mit meiner Aufgabe Schiller, und gerade nur Schiller zu feiern, vertraut zu machen anfing. Pollux ſteht in jener Gruppe blühend neben Kaſtor, aber er ſteht mit umge⸗ ſtürzter Fackel zum Zeichen, daß man ihn nicht ſieht, daß er nicht beleuchtet wird, weil er ja ſeines Bruders Platz in der Unterwelt einnehmen muß, ſo lange dieſer im Lichte weilt. Dabei fällt Schillern nach einer Stelle des Oſſian das Bild des halben Mondes ein, hinter dem die unzertrennliche andere Hälfte im Schatten ſteht; mir aber drängte ſich dabei die Frage auf, ob nicht auch ich den einen von den Dioskuren unſerer Literatur, ob nicht auch ich die eine Hälfte des wundervollen Doppelgeſtirns am deutſchen Geiſteshimmel in Schatten ſtellen müßte, um der andern volles Licht zu geben. In der That iſt es noch heute da, wo einzig nach dem natürlichen Geſchmack geurtheilt wird, die allgemeine Art oder Unart Goe⸗ then zu erniedrigen um Schillern zu erheben und wieder Schillern zu erniedrigen um Goethen zu erheben. Der natürliche Geſchmack merkt nur den Unterſchied und nimmt danach ſeine Partei; da heißts wie in der Schlacht bei Weinsberg: hie Goethe, hie Schiller, als ob ſie nicht beide zu einer höheren Einheit ſich ergänzten, und als ob ſie dieſe Einheit nicht im Leben ſelbſt dargeſtellt hätten durch die innige wunderbare Freundſchaft, der die deutſche Bil⸗ dung ſo viel zu danken hat. Aber allerdings beweiſt gerade dieſe neidloſe Freundſchaft ſicherer als alles andere, daß eine große Verſchiedenheit zwiſchen dieſen beiden Naturen iſt; denn auf einem Wege hätten beide nicht Platz gehabt, ſie mußten, wenn auch nach demſelben Ziele, auf verſchiedenen Wegen gehn um ſich nicht in den Weg zu kommen.
Der Inſtinct des natürlichen Geſchmackes irrt alſo keinesweges, wenn er hier einen tiefgreifenden Unterſchied, wittert und eine Polemik gegen dieſen Geſchmack liegt um ſo weni⸗ ger in meinem Vortheil, als derſelbe ſich meiſt zu Gunſten unſers Schiller zu äußern pflegt.
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