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Bildungsmittel also ihren innersten Wesen nach durch keine anderen ersetzt werden können, und so lange das Studium der Classiker die menschlichen Zustände und die Schöpfung unbefangen gegenständlich anschauen lehrt, so lange durch diese Mittel und durch keine andern die Kenntniss der Ideen und der Ereignisse sich mittheilt, so lange durch diese Mittel allein erhellt, aus welchen Ursachen zu verschiedenen Zeiten das geistige Gepräge der Völker sich dargelegt hat und die Gegenwart, sowie sie ist, aus der Vergangenheit kommen musste, und so lange noch die Mathematik als Gegensatz gegen die Phantasie den Verstand an Bündigkeit und Mass gewöhnt, so lange wird der Staat keinen andern Weg wollen eingeschlagen haben seine höhern Beamten zu bilden.
Nur das Ungestüm des jugendlichen Alters möchte aus den Bewegungen und Wallungen unserer Tage einen Grund hernehmen zu meinen, dass sie einen kürzern Weg gefunden hätte. Dies führt mich auf den letzten Punkt, welcher die Haupt- ermahnung meines heutigen Vortrages ausmacht, welche ich nicht nachdrücklich genug an's Herz legen kann. Denn wenn auch die edelste Gesinnung, die festeste Willenskraft, die geistigste Anlage, alle innere und alle äussere Umstände sich ver- einigten einen Menschen für die Studien zu befähigen und wenn er auch unter den besten Lehrern und sorgfältigsten Eltern die rechten Mittel zur Entwickelung einge- schlagen hätte, würde aber zu früh vom Strudel des Lebens ergriffen, so würde er aus seiner Bahn gerissen und oft mit allen seinen herrlichen Eigenschaften unter- gehn. Kein Strudel ist aber fortreissender als den heftige politische Ereignisse her- vorbrechen lassen, und dass es nichts allgemeiner und gewaltiger aufregendes gibt, braucht man in unsern Tagen nicht zu beweisen. Freilich soll sich auch jeder Jüng- ling freuen, wenn Gott in Thaten ausspricht, dass er die Zeit erscheinen lasse, Wo unseres Vaterlandes Grösse und Herrlichkeit sich entfalten soll, die er unserm Volke von Anfang an, so lange es Deutsche gibt, bestimmt hatte. Aber der noch studirende Jüngling und gar der noch lernende Schüler soll nicht mit Politik spielen; wo Männer das ernste Werk behandeln, da hat er nicht mit zu reden noch weniger mit zu han- deln, nicht einmal zur Unzeit zuzuhören. 0 frevele keiner an dem heiligsten Gute des zukünftigen Geschlechtes, an den Studien der jetzigen Jugend. Ihr Jünglinge! Jasst euch nicht verführen. Denkt auch nicht, es seyen gerade nur diese paar Tage, in denen man seines Berufes vergessen könnte. Wo sich Grosses zu entwickeln beginnt, lässt sich das Ende nicht vorhersehn, wann es eintreten werde. Ja das vollendete wird nie ganz und völlig genügend da seyn, und ein Zeitalter der Entwick- lung ist immer und nothwendig auch eine Zeit der Unruhe. Wolltet Ihr also bei jeder


