Aufsatz 
Vortrag, welcher für die Progressionsfeierlichkeit Ostern 1848 bestimmt, aber in Ermanglung eines Raumes dazu nicht gehalten wurde
Entstehung
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erkennen und heiterer die Zukunft schauen, auch weun er das ihm bisher liebe Haus mit Wehmuth abbrechen und ein neues mit Glanz und Rühmen bauen sieht.

Ich will auch nur soviel mit der Behauptung von der Nothwendigkeit jener Tugenden sagen, dass sie dem Studirenden am wenigsten fehlen dürfen. Ihr Mangel zeigte auf's entschiedenste, dass einer für die Wissenschaften sich nicht eignete. Die Verpflichtung solche Eigenschaften zu pflegen ist bei allen höhern Ständen desto grösser als bei den andern, weil von dem, welchem mehr gegeben wird, auch mehr gefordert werden soll. Zum Studiren gehören, wie die äussere Lage, Gele- genheit und Mittel, so auch und dies noch weit mehr die geistigen Fähigkeiten. Der Geist muss vor allen Dingen die Kraft haben sich zu sammeln und zu vertiefen. Wie wenig ein zerstreuter flatterhafter Knabe von den Musen erkoren werde, habe ich erst das letztemal, als ich von dieser Stätte aus zu Ihnen, verehrteste Herrn! zu reden die Ehre hatte, nach Möxglichkeit auseinander zu setzen versucht und gehe lieber gleich auf die andern nothwendigen Geistesfähigkeiten über, welche sich nicht schon von selbst aus der geschilderten Gemüthsbeschaffenheit ergeben.

Der Knabe muss eben sowohl lebendig seyn und leicht auffassen als treu und fest behalten. Denn wo Geist ist, da ist auch Leben, wo es an Leben fehlt, fehlt es auch an Geist. Nur halte man nicht für geistiges Leben, was blos unruhige Beweg- lichkeit ist, es zeigt sich das ächte Geistesleben auch in der Festigkeit und Stetig- keit des Verstehens und Anhaltens, und dies lässt sich bei einem Knaben schon früh wahrnehmen. Nur zeigt es sich in früher Zeit weniger in der Eigenthümlichkeit seiner Gedanken und Aeusserungen, als in Klarheit der Auffassung. Immer bleibt es daher ein schlimmes, wenigstens ein bedenkliches Zeichen, wenn einer leicht verwechselt. 1

Bei diesem geistigen immer mehr und mehr als eigenthümlich hervortretenden Leben thut sich eben darum auch schon früh eine entschiedene Neigung kund, eine bestimmte Liebhaberei an irgend einer geistigen Beschäftigung. Denn wo Liebe vorhanden, da muss sie sich nothwendig auch äussern, wie wo Geist ist, sich auch Leben zeigt.Wo aber der Genius nicht spricht oder seine Stimme überhört wird, da ist alle Anstrengung vergeblich, alles Mühen geht jämmerlich verloren. Aller- dings hat es Fälle gegeben, wo anerkannte und beliebte Männer des Gelehrtenstan- des sich erst spät entwickelt haben. Ich will das als möglich keineswegs läugnen. Allein sollte die Jugend wahrhaft grosser Männer immer richtig beobachtet und ge- leitet gewesen seyn? oder hätte sich nicht vielmehr das Urtheil der grossen Menge über ihre Zeitgenossen getäuscht? Mag dies aber seyn, wie es wolle, mag sich's