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oberflächlich schnelle Arbeiten. Nicht das schnelle Arbeiten leistet viel, sondern das gute Vollenden. Schnelligkeit ist keineswegs ein Vorzug für Kunst und Wissen- schaft, sondern Gediegenheit, welche auch das Genie nicht entbehren kann. Göthe sagte einmal einem meiner Freunde:„ich habe durch mein fleissiges Abschreiben meine Arbeiten am meisten verbessert.“ Die auf der Drehbank verfertigten Verse mögen wohl zu immer grösserer Fertigkeit führen, ihr erster Einfall wird wohl immer leichter befriedigen, ihr Verfertiger mag immer mehr auf blendende Gedanken ausgehn, nie aber werden sie einen dauernden Glanz behalten. Und noch weniger als in der Kunst wird ohne Fleiss und Beharrlichkeit in der Wissenschaft geleistet.
Zu solchen Gesinnungen und Tugenden habe ich Euch, meine theuern Schüler! jimmer aufgefordert, heute aber beschwöre ich Euch diesen Euch hinzugeben, weil der Uebergang von den Studien zu den Sitten und von den Sitten zu den Studien von jeher ein fortwährender war und sich beständig auf einander bezog, jetzt aber würdet Ihr ohne solche durchgreifende Gesinnung mit Euern Studien nur das Unglück der Welt vermehren.
Edle Gesinnung und anhaltender Fleiss ist aber nicht genug. Beide Tugenden müssen jeden Stand zieren, können also nicht charakteristische Kennzeichen und Eigenschaften eines Menschen seyn um zu entscheiden, ob er sich für die Studien eigene. Ja man könnte sogar sagen:„diese stillen Tugenden mögen recht ach- tungswerth seyn und den häuslichen Heerd beseligen, eignen sie sich aber auch für die Thatenkraft, welche unsere Zeit verlangt? Aber eine Thatkraft, welche nicht auf der Wahrheitsliebe, nicht auf der Aufopferungsfähigkeit, nicht auf der Uneigen- nützigkeit, nicht auf der Liebe zum Höhern, auf keiner poetischen Begeisterung nicht auf der Treue, nicht auf dem Glauben an den Lenker einer unsichtbaren W et. ordnung ruht und wurzelt, mag wohl hervo rgerufen und geboben von den Ereig- nissen des Tages bewundert werden, sie dauert so wenig als ihr Werk, wenn es nicht auf Recht und Gerechtigkeit ruht. Im Gegentheil, der Mann, dessen Jugend von höherer Liebe entzündet immer Wahrheit suchte und mit Hintansetzung aller andern Lust und Vortheile von reinerer Freude durchdrungen war und blieb, der wird die Wahrheit unter allen Umständen, wohl ohne Schminke, aber zugleich schön und liebreich zu sagen wissen; der Mann, W elcher auch in seiner Wissenschaft keine Mühe jemals gescheut, der wird auch andere Opfer zu bringen im Stande seyn, welche ihm sein Beruf auferlegt; der Mann, dessen Verstand durch die Wissen- schaft erhellt worden, dessen Geist durch mehrfache Studien leidenschaftsloser und
unpartheilicher herangereiſt, der wird auch den Moment der Gegenwart unbefangener


