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Wissenschaften die allein dauernde Grundlage alles Segensreichen. Somit ergiebt sich dies als das erste wesentliche Kennzeichen, ob Beruf zu den Studien vorhan- den sey. Oder wer könnte die Wahrheit in der Wissenschaft finden, in dessen Herzen keine Liebe zur Wahrheit ist, dessen lügnerische Eitelkeit sie ihm zu suchen wehrt? Oder wer könnte seiner Wissenschaft unter allen Umständen leben, der von eigennützigen Absichten getrieben wird? Sein Geist ist mit andern Dingen erfüllt, die nicht seines Berufes sind. Er mischt sich unberufen in Fremdes um es zu ver- derben. Oder wie könnte im Treiben des Unruhigen, der keinen Frieden hat, die Wissenschaft gedeihen, deren Luft und Nahrung die Stille und die Demuth ist, welche die Grenzen des endlichen Verstandes erkennend vom Lichte des Himmels ihre Richtung erhält? Die Studien, welche anfangs so grämlich erscheinen, schrecken mit ihrem Ernste jeden ab, der nicht mit treuer Liebe ihnen zu folgen die Kraft und Beharrlichkeit verbindet, welche nur von der Tüchtigkeit der Gesinnung gereicht wird. Jedenfalls müsst, Ihr Jünglinge! das wissen, wenn Ihr je nach dem blossen Scheine urtheilen wolltet: es ist unmöglich zu gleicher Zeit den gefälligen Abhang irdischer Lust weichlich hinabzugleiten und den steilen Pfad der Wissenschaft zu erklimmen. Die Kraft aber zur Sittlichkeit liegt in der Gottesfurcht.
Zu diesem sittlichen Ernste vorzüglich vereint mit Wahrheitsdrang kommt als weiteres günstiges Kennzeichen die poetische Empfänglichkeit, welche im Boden wahrer Religiosität ihre unzerstörbaren Wurzeln schlägt, und diess zeigt sich beim Jüngling in der Empfindung für die Schönheiten der Schöpfung, in der Erwärmung durch die Erhabenheit der klassischen Literatur, welcher Nation sie auch angehöre, und vor allem durch das Erglühen einer begeisterten Vaterlandsliebe.„Wehe dem, der nichts für seine Heimath fühlt, wer die verrathen kann, kann auch seinen Gott ver- läugnen, wer Gott verläugnet, kann auch sein Vaterland verläugnen!“ Solche Geschöpfe niedriger, treuloser, leichtfertiger Gesinnung kann die deutsche Wis- senschaft nicht brauchen.
Eben so wenig aber auch solche, welche blos mit solchen Gefühlen spielen, ohne Willenskraft und ohne Beharrlichkeit. Sehen Sie, verehrteste Eltern! unter Ihren Söhnen einen, welcher weich und gutmüthig leicht zum Edeln erregbar, aber alsbald wieder erschlafft,— den bestimmen Sie, verehrteste Eltern! ja nicht zu den Studien, ändern Sie lieber jetzt noch, wenn er auch schon die Laufbahn betreten hat, Ihren Entschluss und seyn Sie überzeugt, dass wo irgend, gewiss hier das Harte und Zähe sich mit dem Weichen und Zarten paaren muss. Diese Beharrlich- keit zeige sich besonders im Fleisse an einer Sache. Es täusche nicht das


