Aufsatz 
Vortrag, welcher für die Progressionsfeierlichkeit Ostern 1848 bestimmt, aber in Ermanglung eines Raumes dazu nicht gehalten wurde
Entstehung
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immer sorgfältig genug, und gewiss nicht allgemein genug. Die Eltern verstehn sogar meistens diese Kunst nicht, sondern die äussere Lage der Familie bestimmt ganz in der Regel die wichtigste Angelegenheit des ganzen Lebens, die unerläss- liche Bedingung jeden Erfolges und jeden dauerhaften Lobes. Die Wahl entscheidet sich, bis auf wenige Ausnahmen, da für das Studium, wo man weniger Reichthum als Ehre sucht, weil die Wissenschaften schön an sich selbst schon sind und schön in den Augen der Welt. Bildung erhebt ja den Niedrigsten zu den Höchsten, ihrem Geweihten beut sie höhere Freuden und dauernde Annehmlichkeit. Denn des Men- schen Geist begierig nach Wissen nährt und befriedigt nur Lernen und Erkennen. Darum kommt dem Standpunkte des Gebildeten keine Höhe des Glückes gleich. Aber der Mensch verwechbselt öfter das Wesen mit dem Schein, und eben wegen der Macht, welche der dem Studium eigenthümliche Zauber ausübt, und wegen der Gunst, womit die Ehre ihn krönt, liegt die Gefahr so äusserst nahe, dass sich Jünglinge, denen die Richtschnur einer richtigen Wahl aus Unerfahrenheit und Selbstüberschätzung abgeht, verlocken lassen. Der eine wird getäuscht durch den berühmten Namen eines verwandten, der nachbarliche Glanz blendet seine Augen und spiegelt ihm die Grösse als leicht erreichbar vor. Andere lassen sich durch die unbesonnenen Lobsprüche ihrer Nächsten gerne überreden, dass sich nichts Gros ses ihren Gaben entziehen werde. In einem andern Hause herrscht ein sogenannter geistreicher Ton, wodurch der Knabe zu einer Lectüre verleitet wird, die seine Phan- tasie entzündet, was man für die unsterbliche Flamme des Geistes hält. Und diese alle müssen und wollen studiren.

Ich will gar nicht sagen, dass die äussern häuslichen Verhältnisse kein Moment in die Wagschale legen sollten. Im Gegentheil das ist ein sehr wichtiges Gewicht. Denn wer, wenn er nicht mit einer ganz ungewöhnlichen Seelenkraft und ausseror- dentlichen Geistesstärke begabt ist, in einer gemeinen Umgebung aufwächst, wo der tägliche Erwerb das Tagsgespräch ausmacht oder die ängstliche Sorge jede Frische der Mittheilung erblassen heisst und träge Geistesstille das Haus erfüllt, der kann auch keine edle Gesinnuang von Haus aus mit zu den Studien bringen.Denn ist die Jugend an sich selbst die Blüthe des Lebens, ist ihre Zeit ohne Vergleich dieje- nige, in welcher die Menschheit gewissermassen ihrer Schwere unkundig sich glän- zender und schöner darstellt, so darf diese Blüthe nicht in den Staub niedriger Sphären getreten werden, wo die Natur in ihrer Vollgluth eine Entwicklung verlangt, die der Fülle ihrer Kraft entspricht, wenn sie nicht Gefahr laufen soll in Gemeinheit

zu ersticken. Eine edle Gesinnung ist, wie überall, so auch besonders bei den