A. Bericht über die 50 Jahr-Feier
der
Liebig-Realschule zu Frankfurt a. M.-Bockenheim am 17. Juni 1905.
Am 18. Juni 1855 wurde in der damalig kurhessischen Stadt Bockenheim eine höhere Bürgerschule für Knaben und Madchen eröffnet, die den Kindern wohl- habender Einwohner Gelegenheit bieten sollte, sich eine weitergreifende Bildung, als sie die Volksschule erzielen konnte oder sollte, anzueignen.
Bockenheim besaß damals eine städtische gehobene Bürgerschule, deren guter Ruf aus weiter Umgebung Schüler anzog. Sie war vom Metropolitan Pfarrer Friedrich Böhm eingerichtet, sozusagen gegründet, und in seinem Geiste von dessen Nachfolger, dem Ortsschulinspektor Pfarrer Georg Jonas Merz, weiter gepflegt worden.
Dem Hassenpflug-Vilmarschen Geiste, der damals in Kurhessen herrschte, ging diese Volksschule zu weit,„der gemeine Mann sollte sich mit Religion, Lesen, Schreiben und Rechnen begnügen“. Geschichte, Erdkunde, Mathematik und Natur- wissenschaft wurden gestrichen!
Darum betrieb man von oben herab die Begründung einer höheren Schule, weil man doch nicht der ganzen Einwohnerschaft die Quelle der Bildung verstopfen konnte und wollte.
Zugleich nahm man der Volksschule, außer einem guten Teil des Schüler- bestandes, die meisten vortrefflichen Lehrkräfte hinweg.
Kein Wunder, daß die„Neue Schule“, wie sie anfangs und für längere Zeit genannt wurde(auch„Judenschule“, weil sämtliche ortsansässige jüdische Familien ihre Kinder hineinschickten, da ihrem Verständnis der Zeit die beste Schule gerade gut genug dünkte für diese), daß also die höhere Bürgerschule bei der durch Ge- meinsinn und nicht parteilich gespaltenen altangesessenen und seßhaften Bürger- und Einwohnerschaft aufs beste verhaßt war.
Die Bevölkerung Bockenheims war damals meist ackerbauend und kleingewerb- lich. Selbst alte gute und wôhlhabende Familien schickten aus Trotz ihre Kinder nicht in die„neu Schul“, allerdings in Verkennung der Erfordernisse einer Zeit ungeahnter Entwicklung in Industrie und Handel, und zu ihrem eigenen späteren
Schaden.


