Aufsatz 
Bericht über die 50-Jahrfeier der Liebig-Realschule zu Frankfurt a. M.-Bockenheim am 17. Juni 1905 / von F. Dörr
Entstehung
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Zur besonderen Beachtung.

I. Wir haben bisher unseren Schülern gestattet, daß sie während der Pausen in einem Laden der Nachbarschaft Brötchen u. a. kauften, wenn sie von Hause nichts zum Frühstück mitgebracht hatten und dies dem Lehrer meldeten. Leider nötigen uns unangenehme Erfahrungen diese Erlaubnis zurückzuziehen. Von nun an wird keinem Schüler gestattet, während der Pause den Schulhof zu verlassen. Jeder soll von Hause mitbringen, was er nötig hat.

Wir teilen Ihnen dieses mit, indem wir Sie dringend bitten, dafür Sorge zu tragen, daß Ihr Sohn vor dem Verlassen des elterlichen Hauses ordentlich ißt und trinkt und sich nach Bedarf noch etwas zum Frühstücken mitnimmt. Leckereien sind unzulässig. Sie werden gut daran tun, ihn zu kontrollieren und sich ev. auch mit uns in Verbindung zu setzen, wenn Sie merken, er achte nicht ordentlich auf sein Frühstück. Viele Schüler behandeln das Frühstück, das ihnen mitgegeben wird, in der nachlässigsten Weise, sodaß sich an ihren Plätzen, in den Bänken, in den Klassenzimmern, auf dem Flur und den Treppen, auf dem Schulhof u. s. w. Speisereste in Menge finden, die immer wieder aufgesammelt werden müssen. Zur Bekämpfung dieses Uebelstandes bedürfen wir dringend der Mithilfe des Elternhauses.

In der 10 Uhr-Pause können die Schüler beim Schuldiener ein Glas warme Milch erhalten. Die Eltern tun aber gut, falls sie ihren Kindern hierzu Erlaubnis erteilen, genau zu beachten, ob das Geld auch wirklich zu diesem Zweck verwandt wird. Der Schuldiener quittiert in Zukunft schriftlich gegen monatliche Zahlung. Die Schüler legen am letzten des Monats die Rechnung vor, die am besten sofort durch die Eltern oder deren Vertreter berichtigt wird.

Wir ersuchen Sie zugleich, dringend darauf zu achten, daß alle Sachen, die Ihr Sohn mit in die Schule bringt(Bücher, Hefte, Zeichenutensilien, Turnschuhe, Mütze, Hut, Schirm, Mantel, Ueberschuhe u. s. w.), deutlich mit seinem Namen gezeichnet sind, damit die Schule genau kontrollieren und ev. Klagen und Be- schwerden über verlorene oder gar entwendete Sachen besser verfolgen kann.

II. In neuerer Zeit wird es leider in immer mehr Geschäften üblich, neben ihrem eigentlichen Betrieb ganz billige Lektüre, Ansichtskarten u. s. w. zu verkaufen, und Kinder lassen sich durch die Bilder und den Reiz des Neuen und Seltsamen leicht dazu veranlassen, dafür Geld auszugeben. Diese billige Lektüre ist aber nur zu oft spannend, aufregend, abenteuerlich und deshalb für die heranwachsenden Knaben äußerst gefährlich. Die geschilderten Abenteuer sprechen aller Wirklich- keit Hohn und rauben den unverständigen Lesern den Sinn für die tatsächlichen Verhältnisse des Lebens. An der unnatürlichen Darstellung wird dann die jugend- liche Phantasie entzündet, und es erwacht die verderbliche Neigung, auch solche wagehalsigen Streifzüge zu unternehmen, zu Kampf und Streit, auf Raub und Ent- führung auszuziehen und als kühne Helden Ruhm und Ehre zu gewinnen. Wahr- nehmungen dieser Art zu machen haben wir leider bei unseren eigenen Schülern in der letzten Zeit wiederholt Gelegenheit gehabt, und die Tagesblätter berichten immer erneut von Fällen, wie jugendliche Gemüter durch Berührung mit solchen Erzeugnissen einer verwerflichen Litteratur auf schlimme Wege und selbst mit dem Strafrichter in Konflikt geraten.

Wir haben beobachtet, daß ganz besonders gerne sogenannte Buffalo-Bill- Hefte, die sehr wenig empfehlenswert sind, u. ä. von unseren Schülern gekauft und gelesen werden, daß sie auch vielfach Ansichtspostkarten, die nicht immer ein- wandsfreie Darstellungen aufweisen, erwerben, untereinander verkaufen, verschenken u. s. w. Wir ersuchen Sie aufs dringendste, alle erdenkliche Aufmerksamkeit darauf zu wenden, daß Ihr Sohn nichts erwirbt, kauft, leiht, was geeignet ist, seinen Geschmack zu schädigen, seine Phantasie ungesund zu erhitzen, sein sittliches Gefühl zu beeinträchtigen, sein Handeln ungünstig zu beeinflussen. an

Die Eltern erweisen ihren Kindern durch solche sorgfältige und genaue Auf- sicht einen Dienst nicht nur für die Schulzeit, sondern fürs ganze Leben. Wir sind jederzeit bereit, Ilhnen mit Rat und Tat nach unseren Kräften beizustehen.