Aufsatz 
Pflanzenhefte, ein Hilfsmittel für den Unterricht in der Botanik
Entstehung
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Er gewöhnt sich aber auch daran, seine Arbeit nicht als vergängliches, sondern als bleibendes Eigentum zu betrachten, das um so mehr Sorgfalt erfordert, je länger die Zeit dauert, auf die es berechnet ist. Gleichzeitig kommt ihm aber auch zum Bewuſst- sein, daſs der Unterrichtsstoff einer Klasse nicht mit dem Verlassen derselben ver- schwunden ist, sondern daſs jede Klasse nur einen Baustein beiträgt zu dem Gebäude, dessen Schlufsstein erst die oberste setzt.

Die folgenden Bemerkungen sollen sich wesentlich mit der Verwendung des Zeichnens im botanischen Unterrichte, also mit der Ausfüllung der rechten Seite des Pflanzenheftes beschäftigen. Wir halten in dieser Beziehung an dem Standpunkte fest, dals naturwissenschaftlicher Unterricht ohne ausgedehnte Verwendung des Zeichnens seinen Zweck nur halb erreicht. Die sprachbildende Seite dieses Unter- richts, die man nicht hoch genug anschlagen darf, kann auch ohne Zeichnen verfolgt werden, allein die formerkennende und formbildende geht verloren.

Wollen wir die Form, Farbe, kurz beliebige Eigenschaften von Naturkörpern bezeichnen, so ergibt sich bei näherer Betrachtung, daſs wir dies nur durch Ver- gleichung mit bereits bekannten vermögen, daſs wir also eine bestimmte Menge der- selben als gegeben voraussetzen müssen. Je gröfſser diese Menge ist, desto bequemer ist der Ausdruck, desto leichter ist das gegenseitige Verständnis. Diesen Schatz, soweit er durch Zeichnen zu erzielen ist, wollen wir dem Schüler durch die jeder Pflanze beigefügten Skizzen geben.

Daraus folgt aber, daſs die Zeichnungen schematischer Natur sein müssen, daſs also von perspektivischen Zeichnungen abzusehen ist. Sie sollen dem Schüler mit einem Blicke das geben, was sonst nur durch eine lange Sacherklärung möglich ist. Das Zeichnen soll also der Botanik dienen, nicht Selbstzweck sein.

Unter Vernachlässigung der natürlichen Zufälligkeiten der Einzelbildungen sind demnach herauszufinden:

1) die geometrische Form des Blattes, Blattrandes, der Blattstellung, des Blüten- standes;

2) die Durchschnitte der Blüten, um die gegenseitige Stellung der Blütenorgane zu erhalten, und später die Diagramme, jedoch nur soweit sie sich in der Blüte erkennen lassen, unter Vernachlässigung der schwierigen theoretischen Erörterungen;

3) wichtige schwieriger zu erkennende Einzelheiten jeder Art, besonders solche, die zur Erklärung der Insektenbefruchtung, der Verbreitung der Samen, zum Schutze gegen Angriffe der Tiere dienen, kurz aller derjenigen, bei welchen die Anpassung der Pflanzen an Standort und Lebensweise und die Wechsel- beziehung zwischen Pflanzen- und Tierreich zum Ausdruck gelangen;

4) die gesamten mikroskopischen Präparate, welche die Schüler im Laufe des Unterrichts, besonders in der Pflanzenanatomie und-Physiologie in Prima zu sehen bekommen.

Es sei mir bei dieser Gelegenheit gestattet auch kurz zu erwähnen, wie weit das Zeichnen auch in den anderen naturwissenschaftlichen Fächern bei uns betrieben wird. In der Zoologie ist man in Bezug auf das Zeichnen wesentlich ungünstiger gestellt als in der Botanik, weil hier in den unteren Klassen die Wirbeltiere be- trachtet werden, die an die Zeichenfertigkeit, selbst unter Anerkennung der oben besprochenen Grundsätze, fast unerfüllbare Forderungen stellen. Es war deshalb erst von der Secunda ab, wo die Gliedertiere im Unterricht durchgenommen wurden, ein