Aufsatz 
Pflanzenhefte, ein Hilfsmittel für den Unterricht in der Botanik
Entstehung
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Ich möchte bei dieser Gelegenheit darauf hinweisen, daſs botanische Schulgärten in dem wünschenswerten Umfange sich leicht als Beete um den Schulhof herum beschaffen lieſsen. Sehr förderlich wäre es, wenn in ähnlicher Weise, wie ein Mindest- kubikinhalt für das Klassenzimmer und ein Mindestflächenraum für den Schulhof gefordert wird, auch eine solche Forderung für den Schulgarten festgesetzt würde.

Viel könnte auch schon erreicht werden, wenn der Schulhof nicht mit Bäumen einer Gattung bepflanzt würde, sondern möglichst viele Gattungen vertreten wären. Es liefse sich gewiſs dabei eine Anordnung treffen, die das künstlerische Auge befriedigte. Aufserdem bekämen unsere städtischen Schüler eine genauere Kenntnis der Waldbäume, als es bisher der Fall ist.

Nun, hier in Bockenheim sind wir noch in der glücklichen Lage, daſs unsere Schüler ohne Gefahr in Wald und Feld Pflanzen beschaffen können. Die Unannehm- lichkeiten des Forst- und Feldschutzgesetzes wurden durch das bereitwillige Entgegen- kommen des Bürgermeisteramtes in der Weise beseitigt, dafs die zwei Schüler, welche die Pflanzen für die Klasse zu besorgen haben, Karten des Fachlehrers erhalten, die sie den gestrengen Beamten gegenüber als berechtigt zum Sammeln bezeichnen.

Von den auf diese Weise in genügender Zahl beschafften Pflanzen erhält jeder Schüler mehrere, deren beste sofort in den bereit gehaltenen Pressbogen ein- gelegt wird. Zu Hause bringt er sie in die Presse, die nur aus zwei Brettchen in Quartformat und beliebigem Beschwerungsgewicht besteht. Es wird ihm zur Pflicht gemacht, die Pflanze jeden Tag in frisches Presspapier zu legen, eine Vorschrift, deren Befolgung leicht aus dem Aussehen der Pflanze in der nächsten Stunde festgestellt werden kann. Wird die Pflanze nun in dieser Weise bis zur übernächsten Stunde behandelt, so ist sie gewöhnlich fertig zum Einkleben in das Pflanzenheft, ein ganz gewöhnliches Quartheft. Gröſseres Format, besonders aber einzelne halbe Bogen, wie sie bei den Pflanzensammlungen sonst üblich sind, haben sich als unvorteilhaft erwiesen.

Die Pflanze wird nun auf die linke Seite des aufgeschlagenen Heftes geklebt; die vier Ecken der rechten Seite werden zur Angabe der Unterabteilungen des natürlichen Systems, die freie Mitte derselben zu schematischen Zeichnungen ver- wendet. Von den Bezeichnungen des natürlichen Systems wird dem Schüler zunächst nur die Familie gegeben, die schwierigen höheren Abteilungen derselben werden erst in den Klassen nachgetragen, in welchen sie besprochen worden sind.

Der geringen Stundenzahl, besonders aber des gröſseren Zeitaufwandes wegen, den eine genauere Betrachtung der Pflanze und die Skizzen beanspruchen, hält sich die Zahl der während eines Sommers besprochenen Arten in den mälsigen Grenzen von 1015. Es liefern also 50 75 genauer besprochene und ebensoviel auf Ausflügen bekannt gewordene Arten den Stoff sowohl zum Ausbau des natürlichen Systems, als auch zur Besprechung der wichtigsten im Pflanzenreiche vorkommenden Anpassungen an Standort, Lebensweise u. s. w., wie der augenfälligsten Wechselbeziehungen zwischen Pflanzen- und Tierreich.

Diese Zahl dürfte indessen genügen, da es mehr darauf ankommt, dem Schüler einen festen Begriff einiger weniger Familien zu geben, an welche er unbekannte Pflanzen angliedern kann, als eine groſse Masse Stoff, in dem er sich nicht zurecht findet. Es läſst sich diese Beschränkung auch aus dem Grunde rechtfertigen, weil die Zahl der Familien, die in unserer Pflanzenwelt durch massenhaftes Auftreten der Arten oder Einzelwesen einen bestimmenden Charakter der Pflanzendecke hervor- rufen, doch eine verhältnismäſsig kleine ist.