Aufsatz 
Pflanzenhefte, ein Hilfsmittel für den Unterricht in der Botanik
Entstehung
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Pflanzenhefte,

ein Hilfsmittel für den Unterricht in der Botanik.

Scientia amabilis hat man die Botanik zu einer Zeit genannt, als die ganze Arbeit des Schülers in dem Zerzupfen, vielleicht auch Pressen von Pflanzen bestand und die Botanikstunde von Schülern und Lehrern als Unterhaltungsstunde be- trachtet wurde.

Seit jedoch Darwin gezeigt hat, dass auch in der Pflanzenwelt derselbe rück- sichtslose Kampf ums Dasein herrscht wie in der Tier- und Menschenwelt, ist im Unterricht an Stelle der harmlosen Freude an den Blümchen das Denken getreten. Seitdem die Pflanze als ein Organismus erkannt wurde, dessen Teile bis ins kleinste auf den besonderen Lebenszweck des Einzelwesens berechnet sind, seitdem man die Frage zu stellen hat, warum ist diese Einrichtung gerade so und nicht anders, läſst sich die Pflanze als ein Ergebnis einer Reihe verwickelter Ursachen darstellen. Damit ist aber die Naturbeschreibung zur Naturwissenschaft ge- worden und trägt das Kennzeichen der echten Wissenschaft, nämlich das Aufsuchen zwischen Ursache und Wirkung. Und diesen Standpunkt hat die Botanik heutzutage auch auf den Schulen angenommen. Dadurch ist aber auch die Botanikstunde eine ernstere geworden. Die Botanik ist in den Rang eines hervorragend geistbildenden Lehr- faches gerückt, und das Bewulstsein davon bricht sich glücklicherweise auch in den Kreisen derer, die nicht Naturwissenschaftler sind, mehr und mehr Bahn.

Hat nun diese ernstere Behandlung auch schon auf den untersten Stufen Platz zu greifen, so ist doch das zusammenfassende Aufsuchen der allgemeinen Gesetze wie überall Gegenstand der oberen Stufen; man muſs dazu aber auf den gesamten betrachteten Stoff zurückgreifen können. Als ein sehr bequemes Hilfsmittel hierzu hat sich die Anlage von Pflanzenheften erwiesen, zu deren versuchsweiser Einführung, wo es nicht bereits geschehen, ich meine Fachgenossen hierdurch veranlassen möchte.

Leider ist dieselbe nur an den Schulen der kleineren Städte möglich, wo noch infolge der geringeren Entfernungen die Schüler selbst die Pflanzen in Feld und Wald aufsuchen können, oder aber in ganz groſsen, wo frische Pflanzen aus den botanischen Gärten in die Schulen geliefert werden. In den zwischen beiden Gruppen stehenden Städten, an denen der Lehrer die Pflanzen selbst beschaffen oder gar nur mit Blüten- modellen sich behelfen muſs, ist die Möglichkeit dazu selbstverständlich ausgeschlossen. Es dürfte dann aber auch der Hauptwert dieses Unterrichtes, die selbstthätige Arbeit jedes einzelnen Schülers an dem lebenden Material, verloren gehen.