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sondern ist ganz auf innere Gründe angewiesen. Von der allein sicheren Grund- lage des überlieferten Textes mit allen seinen Erweiterungen ausgehend, muss der Zusammenhang jeder Partie und jedes Verses mit dem Vorhergehenden, Folgenden und Ganzen Punkt für Punkt vertheidigt werden, wo eine Vertheidigung möglich ist, und nur das hat als unächt zu weichen, was in den Gedanken entweder ganz nichts- sagend zum Theil sogar abgeschmackt ist oder andern, mit dem allmählich sich her- ausschälenden Kern fest verbundenen Partieen offenbar widerspricht oder wenigstens eine sonst klar zu Tage liegende Composition stört und völlig entbehrlich ist, beson- ders wenn zu diesen sachlichen Bedenken auch noch sprachliche hinzutreten. Um- stellungen von Versen sind etwas höchst Bedenkliches. Gerade die Leichtigkeit, mit der sie sich manchmal vornehmen lassen, sollte doppelt misstrauisch dagegen machen. Nur da sind wir dazu berechtigt, wo sie durchaus gefordert und durch deut- liche Spuren ursprünglichen Zusammenhangs an den neu entstehenden Fugen als richtig zu beweisen sind. Dass mancher Vers und manches längere Stück auch an andern Stellen eingefügt einen guten Sinn hätte, leugne ich nicht, ebenso wenig, dass manche Partie fehlen könnte, ohne dass wir sie vermissen würden.— Die beste Rechtferti- gung der so vorgenommenen Ausscheidungen und Aenderungen gibt, ich darf wohl sagen überall, der oft ganz unerwartet schön und klar hervortretende Zusammenhang des ursprünglich Zusammengehörenden. In der That hat die hohe Schönheit dessen, was wie lauteres edles Metall nach Abscheidung der Schlacken zurückbleibt, mir die grösste Freude bei der ganzen Untersuchung gemacht. Und es würe ein lite- rargeschichtliches Wunder, wie es keine Zeit und kein Volk aufzuweisen hat, wenn in einem Werk, in dem an so vielen Stellen ein Zusammenhang nicht besteht und noch von keiner vernünftigen Exegese bewiesen werden konnte— wenn in diesem ein vortrefflich componirtes, überall fest zusammenhängendes Gedicht ein latentes Dasein geführt hätte, ungeahnt von dem Verfasser oder den Sammlern. Dass aber ein solches Gedicht sich als Kern aus der jetzigen Masse herausschälen lässt, behaupte ich und habe ich im Einzelnen zu beweisen gesucht.
Unter den Einschiebseln der Werke und Tage haben zwei das Urtheil der Neueren über Sinn und Geist des Ganzen in hohem Grade irregeführt: die Episode
von Pandora und besonders die von den Weltaltern. Beide sind von mir schon


