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Auch bei den Alexandrinern, vor Allen bei Aratus, zeigt sich sein Einfluss deutlich genug, ja in der römischen Literatur fanden die Werke und Tage sogar ihr Gegen- stück in Vergils Georgica und selbst die Rhetoren und Sophisten des zweiten nach- christlichen Jahrhunderts, besonders Lucian, versäumen keine Gelegenheit ihre Ver- trautheit mit Hesiod zu zeigen.
Seit dem Wiedererwachen der Wissenschaften hat Hesiod ein verhältnissmässig geringes Interesse erregt. Während die homerischen Gedichte im Original oder in Uebersetzungen Gemeingut der Gebildeten aller Nationen sind und die gelehrte Forschung jetzt mit ihnen eifriger als mit irgend einem andern Sehriftsteller des Alter- hums sich beschäftigt, ist Hesiod ausserhalb des Kreises der Fachgelehrten kaum anders als dem Namen nach bekannt und auch die meisten Philologen haben ihm nur eine flüchtige Aufmerksamkeit zugewenddet. Zu verwundern ist jenes wenigstens nicht. Die Lehr- und Spruchdichter aller Völker haben ihre Zeit, als deren berufene Reprä- sentanten sie aufgetreten sind; ihre Geltung reicht auch wohl über diese hinaus in die nächsten Jahrhunderte, die ihrer einmal anerkannten Autorität noch immer willig folgen, bis allmühlich ganz andere Lebensbedingungen und andere Anschauungen und Grundsätze sie aus dem Leben in die Literaturgeschichte zurückdrängen. Aber auch dass die Philologie sich mit den hesiodischen Gedichten nicht in dem Grade beschäf- tigte, wie nach der Geltung des Dichters im Alterthum zu erwarten wäre, lässt sich erklären. Die Gestalt, in der uns sowohl die Theogonie als ganz besonders die Werke und Tage vorliegen, entstellt durch vielfache kürzere Zusätze und längere Erweiterungen zum Theil von sehr geringem Gedankengehalt und poetischen Werth, verwirrt den auf das Ganze gerichteten Blick und nur bei Wenigen erwacht das Ver- langen, durch eigene Forschung sich in der Masse zurechtzufinden und den ächten alten Hesiod gleichsam erst zu entdecken. Denn zu allgemeiner Anerkennung sind die Resultate der bisherigen kritischen Untersuchungen auf diesem Felde noch nicht gelangt.
Bei den Werken und Tagen ist die höhere Kritik in einer dreifachen Richtung thätig gewesen. Völlig destructiv ist die von Lehrs geübte Kritik, die das ganze Gedicht nur als eine Compilation der verschiedenartigsten Fragmente unterge-
gangener und verschollener Lehrgedichte betrachtet. Ganz conservativ ist der Stand-


