Aufsatz 
Die ethische Weltanschauung des jungen Schiller
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Das Streben, dem Bürgerſtandeſeine Kronen zu verleihen, zeigt Ferdinand von Walter wohl dadurch, daß er das bürgerliche Mädchen zu ſeiner Braut erwählt. Die edle Geſinnung und die idealen Ziele der Bürger der flandriſchen Provinzen erkennen Poſa und Don Carlos an. Sie werten gebührend deren Verlangen nach politiſcher und religiöſer Freiheit. Auch ſie geben alſodem Verdienſte(in unſerem Falle den Bürgern) ſeine Kronen. Poſa glaubt überhaupt an Menſchenwert und teilt das finſtere Mißtrauen Philipps gegen die Bürger nicht. Er weiſt darauf hin, daß die Ruhe, die in Madrid herrſche, die Ruhe eines Kirchhofs ſei, und ſagt:Weiß ich den Bürger glücklich, eh' er denken darf! Das politiſche Ziel für eine einzelne Nation iſt wohl nach Poſa ein konſtitutioneller Staat, in welchem alle Untertauen gleiche. Rechte haben und der König dieſe Rechte achtet, ihnen durch die Geſetzgebung Geltung verſchafft. In dieſem Staate ſoll die Ordnung auf die Freiheit gegründet ſein. Freilich weiß Poſa ſeinen Ideen außer bei dem Prinzen und der Königin noch bei niemandem, ſoweit wir ſehen können, Eingang zu verſchaffen. Er bemüht ſich, den flandriſchen Provinzen zu ihrer Befreiung zu verhelfen, wohl in der Vorausſetzung, daß die Gedankenfreiheit zugleich mit der politiſchen oder in ihrem Gefolge ſich in Flandern und Brabant durchſetzen und dann weiter verbreiten werde. Es liegt Poſa fern, ſich den Neuerern anzuſchließen, welche blind, ohne das Gegebene zu berückſichtigen, ihren Idealen mit Gewalt Wirklichkiit verſchaffen wollen. Die lächerliche Wut der Neuerung, die nur der Ketten Laſt, die ſie nicht ganz zerbrechen kann, vergrößert, wird mein Blut nie erhitzen.

Für Spanien macht er keine Reformvorſchläge, die an die hiſtoriſche Entwickelung des Landes und die Zuſtände der damaligen Zeit anknüpfen und deshalb in nächſter Zeit durchführbar wären. Es befriedigt uns nicht, daß er ſich mit Theorien für die Zukunft begnügt und die Entwicklung Spaniens nicht praktiſch weiter führen will.Das Jahrhundert iſt meinem Ideale nicht reif; ich lebe ein Bürger derer, welche kommen werden. Ein praktiſcher Politiker und Sozialreformer darf ſich mit ſolcher Hoffnung nicht begnügen.

Nachdem wir die politiſch⸗ſoziale Weltanſchauung desDon Carlos beſprochen haben, kommt von weiteren Jugendwerken das Gedicht dieKünſtler in Betracht. Dieſes iſt von Bedeutung für die Feſtſtellung des politiſchen Standpunktes, den der Dichter im Jahre des Ausbruchs der franzöſiſchen Revolution einnimmt. Die erſte und letzte Strophe geben hierüber Aufſchluß. Um die erſte zu würdigen, beachte man den Brief an Körner vom 13. X. 1789, in welchem Schiller das vaterländiſche Intereſſe dem weltbürgerlichen unterordnet. Noch am Vorabend der franzöſiſchen Revolution hält er ſein Zeitalter für das reifſte,weil es in tatenreicher Stille, frei durch Vernunft, fortſchreite.

Schiller hat ſich mit ſeiner Zeit ausgeſöhnt. Verlaſſen hat er den Standpunkt der Sturm⸗ und Drangperiode. Der ungeſtüme Tatendrang Karl Moors, ſein unklares Streben nach Freiheit gelten dem Dichter nicht mehr als erſtrebenswerte Eigenſchaften. Er kann jetzt nicht mehr die Abneigung Moors gegen ſeine Zeit teilen, die dieſer ausſpricht in den Worten:Mir ekelt vor dem tintenkleckſenden Säkulum, wenn ich in meinem Plutarch leſe von großen Menſchen.

Er hat, wie wir geſehen haben, eine hohe Meinung von dem ausgehenden achtzehnten Jahrhundert gewonnen. Dieſe günſtige Auffaſſung hat er nicht mehr in der philoſophiſchen Schrift:Aeſthetiſche Briefe über die Erziehung des Menſchengeſchlechts, wie wir ſpäter ſehen werden.

In der Schlußſtrophe derKünſtler:Erhebet euch mit kühnem Flügel, Hoch über euren Zeitenlauf; Fern dämmere ſchon in eurem Spiegel, Das kommende Jahrhundert auf beſtimmt er der Kunſt höherliegende, über ſeine Zeit hinausgehende Richtlinien. In der Rede:Zu welchem Zwecke ſtudiert man Univerſalgeſchichte? legt S viller dar, wie für den großartigen Aufbau des Zeitalters der Vernunft, in welchem die europäiſche Staatengeſellſchaft in eine große Familie verwandelt erſcheint, alle früheren Zeiten das Material geliefert hätten. Schiller ſchreibt an Jacobi am 25. I. 1795:Nur dem Leibe nach will ich Bürger der Zeit ſein und bleiben, dem Geiſte nach erſcheint es mir das Vorrecht wie die Pflicht des Philoſophen, wie des Dichters, zu keinem Volke