Aufsatz 
Die ethische Weltanschauung des jungen Schiller
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wohl ſchon in den Abhandlungen ſeiner Studienzeit führt er Aehnliches aus. Entfaltet nun der Freund des Genuſſes ſolche Tätigkeit? Er iſt wohl in vielen Fällen, wo es für das Wohl des Nächſten zu wirken gilt, am untätigſten von allen Menſchen. Denn er denkt nur an ſich und ſein Vergnügen. Er arbeitet im Dienſte der Gemeinſchaft nur ſoviel, als nötig iſt, damit er ſeinen Lebensunterhalt und die Mittel zum Ge⸗ nuß erwirbt. Poſa verurteilt Don Carlos wegen ſeiner ſelbſtſüchtigen Liebe zur Königin und macht ihm Vorwürfe darüber, daß er ſein Intereſſe für die flandriſchen Provinzen verloren habe. Ebenſo ſelbſtſüchtig wie die Liebe des Prinzen zur Königin war auch diejenige des Liebhabers inFreigeiſterei der Leidenſchaft und desjenigen inReſignation. Don Carlos war die Braut zugeſprochen worden, ehe ſie ſein Vater zur Gemahlin nahm. Die Geliebte des Mannes in ,Freigeiſterei der Leidenſchaft war aber ſchon ver⸗ heiratet, als er ſie kennen lernte. Schiller läßt Don Carlos im Gegenſatz zu dem Liebhaber in dem Ge⸗ dichteReſignation für ſeine Entſagung keinen Lohn fordern. Hierdurch beweiſt er wohl ſchon, daß er nunmehr die intereſſierte Entſagung verwirft. Mit welchen Augen muß der Dichter, der ſich zu der ſittlichen Höhe des Poſa wenigſtens in ſeiner Empfindung erhoben hatte, das Genußprinzip anſehen, das charak⸗ teriſiert wird durch die Worte des neuteſtamentlichen Gleichniſſes. Laſſet uns eſſen und fröhlich ſein, denn morgen ſind wir tot! Poſa denkt an niemanden ſo wenig als an ſich ſelbſt, an nichts ſo wenig als an Lebensgenuß. Er iſt in ſeinem innerſten Weſen nur von ſeinen Pflichten gegen die Menſchen, von heroiſchen Vorſätzen zu Gunſten des Nächſten erfüllt. Poſa nimmt nicht, wie der Prinz im erſten Teil desPhiloſo⸗ phiſchen Geſprächs, nicht wie Woltmar imSpaziergang unter den Linden, nicht wie der Liebhaber in Melancholie an Laura Anſtoß an dem Geſetz der Vergänglichkeit alles Irdiſchen. Aus der Tatſache des Vergehens der Einzelweſen leitet der Prinz in dem vorher bezeichneten Teil desPhiloſophiſchen Geſprächs das Recht des Menſchen ab, das Leben zu genießen. Poſa kennt aber eine Unſterblichkeit des Menſchenge⸗ ſchlechts, eine Unſterblichkeit des Ganzen. Er muß die Lehre der Spötter inReſignation entſchieden ver⸗ werfen, er kann nicht mit dem Prinzen im erſten Teil des erwähnten Geſprächs den Grundſatz zu genießen durch den Hinweis auf die Flüchtigkeit des Daſeins zu rechtfertigen ſuchen. Da die Genießenden alle höheren Güter verloren haben, ſehen ſie in dem vielfach niedrigen Lebensgenuß das alleinige Ziel ihres Lebens. Ein Poſa verzweifelt nicht an dem Werte des Daſeins, er kennt höhere Ziele als den ſelbſtiſchen Genuß. Ihm ſind höhere Aufgaben geſtellt, deren Löſung in ſeinen Augen vollkommen ein arbeits⸗ und entſagungreiches Leben lohnt.

Bei der Beſprechung des Don Carlos iſt teilweiſe auch von der politiſch⸗ſozialen Weltanſchauung Schillers die Rede geweſen, als wir die Auffaſſung Poſas und der Königin über die Bedeutung der Freiheit für das ethiſche Handeln darlegten. Im folgenden wollen wir genauer auf dieſelben eingehen und ſie im Zuſammenhang mit den ſozialen Anſchauungen betrachten, welche der Dichter in den früher oder ſpäter ab⸗ gefaßten Werken niedergelegt hat. Auch die Briefe Schillers ſind zu berückſichtigen.

Politiſch⸗ſoziale Weltanſchauung desLCiedes an die freude und der bis etwa 1789 erſchienenen Werke, auch einiger Griefe.

Männerſtolz vor Königsthronen. Kosmopolitismus und Nationalität. Gelegent⸗ lich wird auch auf die ſpäteren Anſchauungen Schillers kurz hingewieſen werden.

In demLiede an die Freude kennzeichnet ſich die politiſch-ſoziale Geſinnung des Dichters in den Worten des Gelübdes:Männerſtolz vor Königsthronen Brüder, gält' es Gut und Blut. Dem Verdienſte ſeine Kronen, Untergang der Lügenbrut. Dieſen Männerſtolz beweiſt Ferdinand von Walter vor dem Präſidenten ſeinem Vater. Ihn betätigt Poſa vor Philipp dem Zweiten.Dem Ver⸗ dienſte ſeine Kronen, ſo lautet, wie wir geſehen haben, das Gelöbnis des Dichters und ſeiner Freunde.

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