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den Einfluß, welchen unglückliche Verhältniſſe leider ſo lange zurückgehalten hatten. Jetzt ſollte es ſich an Schiller zeigen, daß das ideale Gefühl, welches die wahre Kunſt hervorbringt, eine gewaltige Macht iſt, ſo ge⸗ waltig, daß ſie den Einfluß der realen Mächte des Todes, des Zufalles, der ſozialen Mißverhältniſſe— und damit die ſo tief eingewurzelte atheiſtiſch⸗peſſimiſtiſche Weltanſchauung Schillers— zurückzudrängen vermochte. Das ideale Gefühl gab dem Dichter erſt die innere Kraft, die innere Freudigkeit zum ethiſchen Handeln zurück, welche der Peſſimismus ihm genommen hatte.
Derſelbe Geiſt freudiger Erhebung, derſelbe Geiſt der Zufriedenheit mit der Weltordnung, welchen die Perſonen des„Liedes an die Freude“ zeigen, erfüllt im großen und ganzen diejenigen des„Don Carlos“ und der„Philoſophiſchen Briefe“— beſonders wohl der Theoſophie des Julius—, welche Schiller zu Vertretern ſeiner ſittlichen Ideale gemacht hat. Gegenüber manchen ſeiner Jugendwerke, beſonders ſolchen materialiſtiſchen und peſſimiſtiſchen Inhalts zeigen dieſe Werke einen weſentlichen ethiſchen Fortſchritt.
Vergleichen wir die ethiſchen Anſichten, welche Schiller in der Tragödie„Don Carlos“ und der „Philoſophiſchen Briefe“ niedergelegt hat, mit denjenigen, welche die Gedichte„Freigeiſterei der Leiden⸗ ſchaft“ und„Reſignation“ enthalten, ſo zeigt die Ethik des„Don Carlos“ und der„Philoſophiſchen Briefe“ einen bedeutenden Fortſchritt. Die ihm früher von außen überkommenen Theorien haben in den in„Freigeiſterei der Leidenſchaft“ und„Reſignation“ geſchilderten Kämpfen die Feuerprobe beſtehen müſſen. Er hat mit einem bloßen Wiſſen von der Tugend nicht mehr auskommen können und hat ethiſche Kraft gewinnen müſſen, um nicht in den Verſuchungen unterzugehen. Die Anſichten, welche er jetzt hat, ſind aus der Praxis hervorgegangen. Aus dem unbeſtimmten ethiſchen Fühlen hat ſich ein zielbewußtes ethiſches Streben und Handeln herausgebildet. Nicht mehr iſt das perſönliche Glück des einzelnen Zweck der Tugend, ſondern das Wohlergehen der Menſchheit. Sein ethiſches Streben muß ſich auf die Beſſerung des Loſes ſeiner Mitmenſchen richten, d. h. auf den Kulturfortſchritt. Aus dem engen Kreiſe ſeiner perſönlichen Be⸗ dürfniſſe, Leidenſchaften, Ziele und Ideale ſoll der Menſch heraus⸗ und in die Beſtrebungen der Menſchheit eintreten; er ſoll im Ganzen leben Zu der Erfüllung ſolcher Pflicht vereinigen ſich„Poſa“,„Don Carlos“ und die„Königin“.
Freundſchaft und Liebe ſtellen ſich in den Dienſt der höheren Aufgaben des Lebens. Die Freunde, die Liebenden laſſen ihre eigenen Intereſſen außer acht und wollen für die Befreiung Flanderns wirken. Sie handeln aus Menſchenliebe und nicht aus Eigennutz. Sie wollen ihr perſönliches Glück weder während ihres Lebens erreichen, noch erſtreben ſie ein ſolches in einer jenſeitigen Welt. Die Tugend, welche die Königin aus ſittlicher Eigenkraft übt, ſteht im ſchärfſten Kontraſt zu der intereſſierten Tugend der Eboli, welche in der Verſuchung nicht ſtandhält. Auch Poſa tut das Gute aus innerem Triebe, um des Guten willen. Sein„ſchöner Lebenslauf“ iſt Liebe. Wie Fauſt im Alter*) will er ſäen für die künftigen Generationen.
Was er getan hat, wird im Ganzen im Diesſeits weiterleben, und das Menſchengeſchlecht, für
das er arbeitet, wird nicht ſterben, ſolange die Erde beſteht. Bei der Ausübung der Tugend läßt er ſich, ebenſowenig wie die Königin, durch den Glauben an eine Unſterblichkeit, an einen Lohn in einer jenſeitigen Welt leiten. Täte er dies, ſo wäre ſeine Tugend intereſſiert. In der„Theoſophie des Julius“, welche betreffs der ethiſchen Anſichten Schillers dem„Don Carlos“ ſehr nahe ſteht, ſagt der Dichter:„Die Vorausſetzung einer Unſterblichkeit entſtellt auf immer die hohe Grazie dieſer Erſcheinung(es iſt von der Aufopferung die Rede). Es muß eine Tugend geben, die auch ohne den Glauben an Unſterblichkeit aus⸗ langt, die auch auf die Gefahr der Vernichtung das nämliche Opfer wirkt. Rückſicht auf eine belohnende
*) cf. Kuno Fiſcher: Schillers Jugend⸗ und Wanderjahre.


