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Briefe“ ausrufen. Er weiß jetzt, warum er die Tugend übt. Seine Sittenlehre(diejenige des zweiten. Leils des„Philoſophiſchen Heſpräches“ ruht jetzt auf ihrer eigenen Fichſe. Sie entlehnt ihre Be⸗ gründung nicht mehr der religiöſen Methaphyſik. Er bedarf jetzt der Hoffnung auf die Vergeltung in einem Jenſeits nicht mehr. Er hat jetzt keine Urſache mehr, darüber zu klagen, daß der Tugendhafte entſagen muß. Die Entſagung belohnt ſich durch die Folgen, welche ſie für das Ganze hat. Wenn auch der ein⸗ zelne ſtirbt und er auf einen jenſeitigen Lohn gemäß dem Beſcheide des Genius nicht rechnen darf, ſo lebt doch das, was er geſchaffen hat, weiter im Ganzen; dieſes wird, ſolange die Welt überhaupt beſteht, bleiben. Das Leben des Menſchen bekommt durch dieſe Tatſache einen Sinn. Die Weltordnung wird gerechtfertiigt. Denn der in uns liegende Trieb, alle Anlagen und Kräfte zu entwickeln, bedingt Moralität. Dieſe treibt dazu, nach außen zu wirken. Da Tätigkeit in der Welt oder— was dasſelbe iſt,— Tugend — Glückſeligkeit iſt, ſo belohnt ſich die Tugend in ſich ſelbſt. Die Moralität iſt eine Quelle ſegensreicher Tätigkeit, welche in die Welt ausſtrömt. Muſter ſolcher Tätigkeit, reſp. Beiſpiele für ſolche Tätigkeit, ent⸗ halten die„Theoſophie des Julius“ und„Don Carlos“. Der Lebensgenuß der Weltkinder muß alſo ver⸗ urteilt werden. Nach dem zweiten Teile des„Philoſophiſchen Geſprächs“ iſt das Univerſum als Ganzes ſo vollendet, daß eine beſſere Welt weder zu denken noch zu wünſchen iſt. Schiller kann alſo nicht mehr die peſſimiſtiſch⸗materialiſtiſche Weltanſicht aufrecht erhalten, er kann das Geſetz des Vergehens in der Natur nicht mehr als Lücke des Weltplans, nicht mehr als„Mißklang auf der großen Laute“ anſehen: Der zweite Teil des Heſprächs iſt wohl in mannigfacher ffinſicht eine Widerlegung des erſten. Während der Prinz im erſten Teile glaubt, daß die Flüchtigkeit des Lebens ethiſches Handeln nicht lohne, vertritt er im zweiten Teil die Anſicht, daß der Menſch durch ſegensreiche Tätigkeit in der Welt glücklich werde. Widerlegt iſt die Meinung, daß man, um nicht durch Grübeln über den dunkeln Sinn des Lebens zu verzweifeln, ſich dem Genuß hingeben müſſe. Denn die Tätigkeit,„welche in die Welt ausſtrömt“, giebt dem Leben Sinn und Inhalt.
Wie werden wir im Anſchluß an die Philoſophie des zweiten Teils des Geſprächs im„Geiſter⸗ ſeher“ die beiden in„Reſignation“ geſchilderten Lebensführungen beurteilen? Diejenige des Genuſſes müſſen wir verwerfen, denn ſie iſt für das Ganze wertlos und damit unmoraliſch. Nur Tätigkeit für die Mitmenſchen iſt Moralität. Ebenſo iſt die intereſſierte Entſagung zu verwerfen, welche ja auch auf der Selbſtſucht beruht und wohl weniger das Wohl der Mitmenſchen als das eigene Glück— wenn auch erſt in einem Jenſeits— im Auge hat.
C. Ffhik der in Leipzig, Dresden etc. bis 1789 verfaßten Werke, Ethik des Liedes an die Freude und Ethik des Don Carlos im Zuſammenhange mit der Theoſophie des Julius.
Kein Streben mehr nach perſönlichem Glück. Selbſtloſe Tugend aus Menſchenliebe. Die Tugend wird ohne Rückſſicht auf eine Vergeltung in einem Jenſeits geübt. Handeln aus freier Selbſtbeſtimmung. Die Auffaſſung der Liebe (Egoismus) im„Don Carlos“ verglichen mit der Auffaſſung Schillers von der Liebe in den Jugendabhandlungen der Akademiezeit(und teilweiſe der Theoſophie des Julius.)
Nachdem wir den zweiten Teil des Philoſophiſchen Geſprächs im Zuſammenhang mit„Reſignation“ betrachtet haben, fällt uns jetzt die Aufgabe zu, diejenigen Werke Schillers, welche auf die Mannheimer Gedichte folgen, zu beſprechen. Dieſe Werke ſind:„Das Lied an die Freude“, die„Theoſophie des Julius“ und„Don Carlos“. Die ethiſche Weltanſchauung des Dichters in dieſen Werken ſteht auch der oben erwähnten Philoſophie des„Geiſterſehers“ nahe.
Ein ganz anderer Geiſt als die Mannheimer Gedichte erfüllt das„Lied an die Freude.“ Schiller hatte Mannheim, wo die Verhältniſſe unerträglich ge worden waren, mit Leipzig vertauſcht. Dort nahm


