Aufsatz 
Die ethische Weltanschauung des jungen Schiller
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lehre gewann. Wir legen dieſe Ergebniſſe ſeines Nachdenkens und ſeines Strebens kurz dar: Der Ent⸗ ſagende empfängt keinen beſonderen Lohn in einem Jenſeits. DerGlaube, dieHoffnung ſind ſchon ſein Lohn. Die religiöſe Metaphyſik iſt keine Autorität für die Begründung der Ethik. Solche Autoritäten ſind aber Weltgeſchichte und Philoſophie.

Im zweiten Teile desPhiloſophiſchen Geſprächs imGeiſterſeher hat Schiller eine ſolche Be⸗ gründung in befriedigender Weiſe gegeben. Da er alſo das, was er inReſignation ange⸗ fangen, in dem erwähnten Deil des Geſprächs fortgeſetzt und vollendet hat, ſo erſcheint es uns angebracht, die Darlegung der Ethik des Geſprächs an diejenige des Gedichts anzuſchließen, obwohl Schiller jenen Teil des Geſprächs erſt 1789 verfaßt hat, alſo ſpäter als diejenigen Werke, welche wir nachher behandeln werden. Die Werke, die wir meinen, ſind dasLied an die Freude, dieTheoſophie des Julius undDon Carlos.

Ethik des zweiten Teils des Philoſophiſchen Heſprächs imSeiſterſeher.

Die Handlungen des Menſchen entſpringen dem ihm innewohnenden Trieb, alle ſeine Kräfte zum Wirken zu bringen oder zur höchſten Kundmachung ſeiner Exiſtenz zu gelangen. In dieſen Zuſtand ſetzen wir die Vollkommenheit. Der Trieb des Menſchen, alle ſeine Anlagen zu entwickeln, ſich zu betätigen, iſt die Grundlage der Moralität. Nach den bisher wiedergegebenen Gedanken Schillers ſind alſo Vollkommen⸗ heit und Moralität weſensverwandt, reſp. weſensgleich. Nach Schiller iſt die Tugend inneres Wirken, Moralität innere Tüchtigkeit. Sie treibt den Menſchen dazu, außer ſich zu wirken. Er lebt nun nicht für ſich allein, ſondern in einer Umgebung, die auf ihn einwirkt und ſeine Kräfte auf ſich einwirken läßt. Er iſt alſo tätig in der ihn umgebenden Welt. Tätigkeit in der Welt iſt alſo nach dem obigen Moralität, Vollkommenheit. Wie verhält ſich nun die Tätigkeit, oder was mit der Tätigkeit ſo gut wie identiſch iſt, die Vollkommenheit, die Moralität, zur Glückſeligkeit? Schiller ſagt: Der tätigſte Menſch iſt der glück⸗ ligſte. Vollkommenheit, Moralität und Glückſeligkeit ſind alſo weſensgleich reſp. weſensverwandt. Daß Glück und Vollkommenheit ſich decken, daß ſie der Zeit nach untrennbar zuſammengehören, ſagt Schiller mit folgenden Worten:

Wir haben gefunden, daß die Glückſeligkeit vollkommen mit der mo⸗ raliſchen Vortrefflichkeit aufgehe, daß ihm alſo für die letztere ebenſowenig zu fördern bleibe, als daß eine Roſe, welche heute blüht, erſt im folgenden Jahre ſchön ſei. Man vergleiche auchPhiloſophie der Phyſiologie. S. 20 Z. 1618. Der Menſch iſt da, um glückſelig zu ſein oder er iſt da, um vollkommen zu ſein. Man vergl. auch 20, Z. 116.

Wie betrachtet nun Schiller das Laſter? Nach der Abhandlung über die Schaubühne iſt das Laſter mehr Torheit als Schlechtigkeit. Er entſpringt in ſeinen Anfängen einer Eigenſchaft, die wir be⸗ lächeln und lieben. Nach demPhiloſophiſchen Geſpräche iſt der Laſterhafte nur minder vollkommen, das Laſter Mangel an Vollkommenheit an innerer Tätigkeit. Es verhält ſich zur Tugend wie die Untätig⸗ keit zur Tätigkeit.Nicht die Tätigkeiten machen das Laſter aus, ſondern die Untätigkeiten. Es iſt ſoviel wie Privation und verhält ſich zur Tugend wie etwa die Stille zum Laut, der Schatten zum Licht. Tugend und Laſter unterſcheiden ſich durch ein Mehr oder Weniger an Tätigkeit. Kuno Fiſcher hat in ſeinem BucheSchiller als Philoſoph eine Inhaltsangabe des Geſprächs gegeben. Wir haben uns an dieſe angeſchloſſen.

Vergleichen wir die im zweiten Teile des Geſpräches niedergelegten Anſichten mit denjenigen der Mannheimer Zeit und mit denjenigen des erſten Teiles jenes Geſprächs, ſo ſehen wir, daß Schiller in ſeinen ethiſchen Anſchauungen weſentlich fortgeſchritten iſt.Die Höhe iſt erſtiegen, der Nebel iſt gefallen. So können wir, um den Fortſchritt des Dichters zu kennzeichnen, mit dem Julius derPhiloſophiſchen