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erſtreckt ſich aber wohl bedeutend weiter, als der Prinz glaubt. Infolge der Verkettung von Urſachen und Wirkungen bleiben die guten Handlungen(durch ihre Wirkungen und Folgen) lange beſtehen. Die Be⸗ folgung des Sittengebotes, welches ſolche Handlungen fordert, gewährt aber das höchſte Glück des Lebens, die Selbſtachtung. Das Gewiſſen predigt laut, daß es eine ſittliche Weltordnung giebt, der zu gehorchen der Zweck des Lebens iſt. Dieſe Weltordnung fordert, daß man ſich durch Tätigkeit und Leiden im Dienſte des Nächſten ſelbſtverleugnen ſoll. Der Genießende iſt aber ein Egoiſt, der ſich ſelbſt verachten muß.
Körper und Geiſt bedürfen in gleicher Weiſe der Tätigkeit, wenn ſie geſund bleiben ſollen. Tätig⸗ keit im Dienſte des Nächſten giebt dem Leben Inhalt, giebt ihm ein erſtrebenswertes Ziel. Wer den Näch⸗ ſten liebt wie der Julius der„Philoſophiſchen Briefe“ und Poſa, wer wie die Malteſerritter für das Ganze tätig iſt, der wird den Wert des Lebens erkennen und zur Weltordnung Vertrauen haben, ihm wird die Beſtimmung des Menſchen nicht dunkel ſein.— Weil der Prinz ſolche Tätigkeit nicht kennt, weil er ein ſittlich gutes Leben nicht führt, vielmehr dem frivolen Lebensgenuß ſich hingiebt, erkennt er den Wert des Lebens nicht.— Die Philoſophie eines Menſchen ſteht im Zuſammenhang mit ſeiner ganzen Perſönlichkeit und ſeinem Lebenswandel.
Wenn der Prinz ſagt, daß die grübelnde Vernunft mit jeder neuen Forſchung einen neuen Zweig ſeiner Glückſeligkeit zerſchneide, ſo denkt er möglicherweiſe daran, daß mit jeder weiteren Erforſchung der Wirklichkeit die Nachtſeiten des Lebens, beſonders der Tod und das Vergehen für ihn immer mehr hervortreten. Durch ſegenbringende Tätigkeit hätte der Prinz das Grübeln der Vernunft, welches wohl im Zuſammen⸗ hang mit ſeinem Lebenswandel und einem unruhigen Gewiſſen ſteht, dämpfen können. Die Forderungen des Gewiſſens wären erfüllt, die Bedürfniſſe der Vernunft und des Gemüts wären befriedigt worden. Er wäre auch über die Nachtſeiten des Lebens allmählich hinweggekommen. Der redlich ſtrebende, im Dienſte ſeiner Mitmenſchen wirkende Menſch kann auch eine verſöhnende Anſicht vom Tode gewinnen. Der Tod iſt wie Goethe ſagt kein Schrecken für den Weiſen. Ein Poſa zeigt keinen Peſſimismus auf Grund der Be⸗ trachtung des ſchnellen Vergehens der Einzelweſen. Der Prinz braucht— vielleicht ihm ſelbſt unbewußt— die peſſimiſtiſche Philoſophie nur als Vorwand, um ſein Genußleben zu rechtfertigen. Ehrliches Nachdenken und die Erfahrung, die er in einem ernſter Arbeit geweihten Leben geſammelt hätte, hätten ihm die Mittel gegeben, um die Probleme der grübelnden Vernunft zu löſen und ſich mit den dunklen Seiten des Lebens abzufinden. Er giebt ſich ein Armutszeugnis, wenn er ſagt:„Ich ſehnte mich nach dem Leichtſinn...“ Er will ſich den peinlichen Empfindungen, welche wohl die Betrachtung der Nachtſeiten des Daſeins in ihm erregt, entziehen, ſtatt ſie durch Betrachtung der idealen Werte des Lebens zu mildern und ſich ſchließlich völlig mit dem Leben zu verſöhnen. Er will lieber durch Genuß die innere Stimme betäuben und das Grübeln dadurch verhindern, daß er die Kraft zum Nachdenken in ſich vernichtet. Dies iſt nun das ver⸗ werflichſte Mittel, das es giebt. Nur energieloſe, unmoraliſche Menſchen nehmen es dauernd in Anſpruch. Man vürde die völlige Veränderung der Anſchauung des Prinzen im zweiten Teil des Geſprächs nicht verſtehen, wenn man nicht— auch dieſe Annahme iſt nur eine künſtliche— annimmt, daß er nur vorübergehend zu einer ſolchen Lebensweiſe und Weltanſchauung ſich erniedrigt hätte. Schiller hat im zweiten Teile des „Philoſophiſchen Geſprächs“ wohl dem Prinzen ſeine eigene Anſchauungen untergelegt.
Wir haben in unſerem letzten Kapitel die Philoſophie der intereſſierten Entſagung im Anſchluß an das Gedicht„Reſignation“ und diejenige des Genuſſes im Anſchluß an das genannte Gedicht und den erſten Teil des„Philoſophiſchen Geſprächs“ im„Geiſterſeher“ behandelt. Wir haben alſo die Ethik von„Reſig⸗ nation“ und damit diejenige der Mannheimer Zeit vollendet.
Wenn, wie wir ſahen, die ethiſche Weltanſchauung Schillers, die wir dem behandelten Gedicht ent⸗ nahmen, große Mängel hat, ſo hat ſeine Bemühung, in ſeinen Kämpfen zu ſelbſtändiger ethiſcher Erkenntnis durchzudringen, doch die Bedeutung gehabt, daß er die Anſüätze zu einer realiſtiſchen Begründung der Sitten⸗


