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Folgen wir wirklich der Philoſophie und der Weltgeſchichte im weiteſten Sinne, dann werden wir betreffs der beiden Lebensführungen zu anderen Reſultaten kommen, als Schiller in„Reſignation“ gekommen iſt. Denn nach dieſem Gedichte giebt es nur entweder künſtlich erzeugte, eingebildete Gefühle, leere „Hoffnungen“, wie die Spötter im Gedichte ſagen, oder nur den groben Sinnengenuß. Der Genius teilt allerdings äußerlich gleiche Belohnungen aus. Wie die Kinder der Welt die Hoffnung entbehren, dafür aber den Genuß haben, ſo müſſen die Entſagenden, welche die Hoffnung haben, den Genuß entbehren. Die Genießenden und Entſagenden haben beide ein Gut und müſſen auf ein anderes verzichten. Aeußerlich⸗ betrachtet ſind alſo die beiden Lebensführungen gleichlohnend.„Mit gleicher Liebe lieb' ich meine Kinder“ ſagt der Genius zur Begründung ſeines Beſcheids. Er kümmert ſich um den moraliſchen Wert der beiden Lebensführungen nicht, nicht um die Verſprechungen der Metaphyſik, ihm liegt nur am Herzen, daß ſeinen Kindern, welche den beiden verſchiedenen Prinzipien folgen, eine äußerlich gleiche Summe von Luſt und Leid, von Genuß und Entbehrung beſchieden ſeien. Er wertet den ſeeliſchen Genuß der Entſagenden nicht höher als den äußeren Genuß der Weltkinder, er hält andererſeits den Verzicht des Genießenden auf die inneren Güter des„Glaubens“ und der„Hoffnung“ nicht für ein ſchlimmeres Leiden als den Verzicht des „Hoffenden“ auf den äußeren Genuß. Der Geuius iſt zwar gerecht; aber die Gaben, die er ſeinen Kindern giebt, ſind nicht die richtigen. Der Genuß und die„Hoffnung“, in ſeinem Sinne ſind keine wahren Güter. Die Lebensführungen der intereſſierten Entſagung und des Genuſſes ſind vom ethiſchen Stand⸗ punkt aus abzuweiſen, wenn auch die erſtere höher ſteht als die letztere. Die Ethik des Gedichtes „Reſignation“ iſt demnach keine muſtergültige. Sie iſt das unvollkommene Erzeugnis eines von ſchweren inneren Konflikten heimgeſuchten Jünglings. Dennoch iſt das Verfahren, das er einſchlug, um über die beiden Lebensführungen ſich ein richtiges Urteil zu bilden, von Erfolg gekrönt worden. Die Kriterien, nach welchen er die Lebensführungen prüfte und beurteilte, haben ſich nach unſerer Meinung als zuverläſſig und ausreichend erwieſen. Er hat einen guten Anfang in der ethiſchen Forſchung gemacht. Es befriedigt unſer ethiſches Gefühl nicht, wenn Schiller, deſſen Anſchauungen der Genius des Gedichts nach unſrer Auf⸗ faſſung vertritt, beide Lebensführungen als gleichberechtigt nebeneinander ſtellt. Er prüft ſie noch nicht auf ihren moraliſchen Wert. Er unterſcheidet deshalb noch nicht ſcharf zwiſchen Entſagung und Genuß, weil er die hierfür erforderliche ethiſche Reife noch nicht erlangt hat, oder weil ihm in der den beiden Mannheimer Gedichten zugrunde liegenden Stimmung des Unmuts höhere Anſchauungen zeitweiſe fernlagen. Er iſt wohl hinſichtlich der beiden Lebensführungen noch nicht zur Entſcheidung gekommen. Man iſt verwundert darüber, daß derſelbe Schiller, welcher das Lob der Nächſtenliebe ſo begeiſtert in ſeinen Jugendabhandlungen geſungen hat, nur Lebensführungen kennt, welche auf der Selbſtſucht beruhen. In dem„Liede an die Freude“ werden wir eine Sinnesänderung des Dichters, reſp. teilweiſe eine Rückkehr zu der ethiſchen Stimmung und Geſinnung der Jugendabhandlungen beobachten.
Die„Theoſophie des Julius“, die Tragödie„Don Carlos“ und der zweite Teil des„Philoſophiſchen Geſprächs“ im„Geiſterſeher“ kennen eine— wir möchten ſagen— ſelbſtloſe Entſagung, eine ſolche, welche in ſelbſtverleugnender Tätigkeit im Dienſte des Nächſten beſteht und ihren Lohn in ſich trägt.
Die Philoſophie der intereſſierten Entſagung, wie ſolche in„Reſignation“ uns entgegentritt, haben wir im vorigen dargelegt, wir müſſen im folgenden diejenige des Genuſſes behandeln. Wir werden die Philoſophie des Genuſſes zunächſt nach Aeußerungen der Spötter in„Reſignation“ auseinanderſetzen. Da der Prinz im erſten Teil des„Philoſophiſchen Geſprächs“ im„Geiſterſeher“ ähnliche Anſichten ausſpricht wie die Spötter des Gedichts, ſo ſchließen wir an die Darlegung der Philoſophie des Genuſſes nach„Reſignation“ diejenige nach dem genannten Teil des Geſprächs an.


