Aufsatz 
Die ethische Weltanschauung des jungen Schiller
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bilden und dann wählen. Wenn wir den richtigen Zeitpunkt ungenutzt vorübergehen laſſen, ſo kann keine Ewigkeit uns die Gelegenheit noch einmal dazu geben, das Glück, wie wir es verſtehen, zu ergreifen. Wenn der intereſſierte Gläubige auf die Empfehlung der Religion hin um des verſprochenen Lohnes willen Ent⸗ ſagung geübt hat, ſo darf er ſich am Ende des Lebens nicht darüber beklagen, daß das Erwartete nicht ein⸗ getroffen iſt. Er iſt ſelbſt für ſein Tun verantwortlich. Hätte der Entſagende die Philoſophie befragt, ſo hätte dieſe ihn vor Enttäuſchungen bewahren können. Eine ſolche verurſacht ihm der Beſcheid des Genius. Denn dasGötterkind derWahrheit, die religiöſe Metaphyſik, hatte verſprochen:Ich zahle Dir in einem andern Leben. Gieb Deine Jugend mir! Nachdem er ihrer erſten Aufforderung nachgekommen iſt, verlangte ſie weiter von ihm:Gieb mir das Weib, ſo teuer deinem Herzen! und ſie verſprach ihm einen Lohn im Jenſeits mit den Worten:Jenſeits der Gräber wuchern Deine Schmerzen. Er gab die Geliebte hin. DieWahrheit hatte ihr Verſprechen beſchworen, und er vertraute auf den Schwur:Feſt vertraut ich auf den Götterſchwur.

Jetzt ſteht er am Ende ſeines Lebens und ſordert für den Verzicht auf das Glück den verſprochenen Lohn. Er ſagt:Ich weiß nichts von Glückſeligkeit. Wir müſſen uns über dieſe Aeußerung des Gläubigen wundern. Man ſollte erwarten, daß er, der geglaubt hat, doch die beſeligende Wirkung des Glaubens anerkenne. Die Hoffnung auf Lohn im Jenſeits iſt nach unſerer Ueberzeugung überhaupt kein berechtigtes ethiſches Motiv. Unpſychologiſch ſcheint uns die Anſicht zu ſein, daß jemand das Gute auf dieſer Erde, die doch mancherlei Freuden als Lohn für die Tugend bietet, tue allein um eines Lohnes im Jenſeits willen, wie es der Dulder inReſignation in der Darſtellung des Dichters tut. Andrerſeits iſt anzunehmen, daß die Religion dem Gläubigen Ehrfurcht vor den Sittengeboten einflößt und in ihm das Gefühl erweckt: Die Entſagung ſteht höher als der Genuß. Freilich mögen intereſſierte Naturen auch auf einen Lohn im Jen⸗ ſeits hoffen.

Der Ethik des Chriſtentums gemäß hat der Gläubige überhaupt keinen Anſpruch auf einen Lohn im Jenſeits, er empfängt die Seligkeit aus Gnaden. Er tut das Gute, weil er eine neue Kreatur geworden iſt. Einzelne Bibelſtellen, welche einen Lohn verheißen, darf man wohl nicht rein äußerlich verſtehen, zum wenigſten auf die Verheißung des Lohnes nicht den Nachdruck legen.

Wie ſtellt ſich nun der Genius zu der Forderung des Gläubigen? Dieſer kennt keinen Lohn im Jen⸗ ſeits, nur einen ſolchen im Diesſeits. Der Glaube ſelbſt iſt dieſer Lohn. Die Autoritäten des Genius ſind Weltgeſchichte und Philoſophie. Er ſchaltet die religiöſe Metaphyſik aus.

Was entnehmen wir bezüglich der religiöſen methaphüſik dem Geſcheide des benius und dem ſonſtigen Inbalte des Hedichts?

Anſätze zur realiſtiſchen Hegründung der Ethik(Finweis auf den zweiten Teil desPhiloſophiſchen Heſprächs imbeiſterſeher) Geurteilung der beiden Coebensführungen und des Geſcheides des benius.

Die regiliöſe Methaphyſik gewährt dieHoffnung, denGlauben. Aber ſie macht den Inhalt derHoffnung, desGlaubens nicht wahr.Du konnteſt Deine Weiſen fragen; die Weltgeſchichte iſt das Weltgericht. Man ſoll jener Metaphyſik nicht blind vertrauen, ſondern ſelbſt die Lebensführungen im Anſchluß an die Lehren der Weltgeſchichte und der Philoſophie realiſtiſch prüfen. Im Hinblick auf die Lehren des zweiten Teils desPhiloſophiſchen Geſprächs und wohl anderer Werke dürfen wir vielleicht den Gedanken des Genius(Schillers) dahin erweitern, daß die ganze Sittenlehre der Weltgeſchichte und Philoſophie ihre Begründung entlehnen ſolle. Die Weltgeſchichte liefert die Mittel zu einer realiſtiſchen Begründung. Die Geſchichte, ſpeziell die Geſchichte der ethiſchen Lehrmeinungen, weiſt wohl die ver⸗ ſchiedenſten Begründungen für die Sittenlehre nach.