Aufsatz 
Die ethische Weltanschauung des jungen Schiller
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werde. Sehr leicht verirrt es ſich dann zu Angriffen gegen moraliſche Sitten und Anſchauungen, z. B. die⸗ jenige von der Unverletzlichkeit der Ehe, wie es inFreigeiſterei der Leidenſchaft geſchieht. In dieſem Sinne meinte Schiller über die in der ,Freigeiſterei der Leidenſchaft geſchilderte Liebe als ſolche, daß ſiedurch ſich ſelbſt, als inneres Ganze, auch ohne Moralität, imponieren könnte.Ein Menſch der liebt, ſagt er, tritt aus den übrigen Gerichtsbarkeiten heraus und ſteht bloß unter den Geſetzen der Liebe. Es iſt ein erhöhtes Sein, in welchem viele andere Pflichten, viele anderen moraliſchen Maßſtäbe nicht mehr auf ihn an⸗ zuwenden ſind. Das Urteil Schillers iſt in dieſem Umfange ſicher nicht als berechtigt anzuſehen, vielmehr als die Sophiſtik eines Affektes zurückzuweiſen, zum mindeſten iſt die Berechtigung desſelben auf die Dauer des außergewöhnlichen Zuſtandes einzuſchränken. Der Affekt hebt allerdings die gewöhnlichen moraliſchen Maßſtäbe für den Augenblick ſeines Beſtehens auf. Der Menſch ſoll aber den Eingebungen des genannten Zuſtandes behinderter Freiheit entgegenzutreten ſuchen, wenn er dieſem nicht durch harte Arbeit und durch⸗ Verfolgung idealer Ziele vorbeugen kann.

In beiden Gedichten iſt das ſelbſtſüchtige Verlangen nach Glück unter dem Einfluſſe einer leiden⸗ ſchaftlichen Liebe der Urheber und Wortführer der dort vertretenen falſchen ethiſchen Lebensanſchauung. Die Selbſtſucht entſtellt dieſe Philoſophie, macht ſie zu etwas Subjektivem, entzieht ihr den Boden zuverläſſiger Forſchung.

Ethik des HedichtesReſignation und des erſten Teils desPhiloſophiſchen Heſprächs imGeiſter⸗ ſeher, Philoſophie der Entſagung und des Henuſſes. Rnſätze zu einer realiſtiſchen Hegründung der Fthik.

Der ethiſche Standpunkt inReſignation iſt zwar etwas höher als derjenige in dem anderen Ge⸗ dichte der Mannheimer Zeit.

Denn der Liebende hat ſein äußeres Lebensglück von vornherein aus eigener Entſchließung um der Hoffnung, desGlaubens willen geopfert. Aber dieſeHoffnung, dieſerGlaube ruhen noch auf dem Egoismus, wenn dieſer auch verfeinert iſt. InFreigeiſterei der Leidenſchaft verzichtet der Liebende auf ſein Glück im Lenze des Lebens. InReſignation dehnt er ſeine Entſagung auf das ganze Leben aus. Er hat Anſpruch auf Glück, er opfert aber alle Freuden und erſtrebt nur die Güter der Ewigkeit. Die Ge⸗ liebte ſeines Herzens giebt er weinend hin demGötterkind derWahrheit, der religiöſen Metaphyſik. Jetzt ſteht er am Ende ſeines Lebens auf der Brücke der Ewigkeit. Er hat rückhaltlos der Lehre der Religion vertraut und die Einwendungen der Materialiſten, welche jeden Glauben an eine jenſeitige Welt verwerfen und den Genuß des Augenblicks als das allein gewiſſe Gut hinſtellen, unbeachtet gelaſſen. Jetzt bringt er ſeinen Vollmachtbrief zur Glückſeligkeit unerbrochen zurück und fordert ſeinen Lohn. Der Genius weiſt ihn darauf hin, daß er in demGlauben, derHoffnung ihn ſchon erhalten habe.Dein Glaube war dein zugewogenes Glück. Wer derHoffnung entbehren muß, ſo führt er aus, ſoll als Erſatz den Lebensge⸗ nuß aufſuchen; wer aber glauben kann, ſoll auf den Genuß verzichten. Dies iſt eine Lehre, ſo alt wie die Welt. Die Menſchengeſchichte zeigt überall dieſe beiden verſchiedenen Lebensführungen.Die Weltgeſchichte iſt das Weltgericht. Schiller faßt die Weltgeſchichte wohl im weiteſten Sinne als die Geſchichte der menſchlichen Handlungen und Beſtrebungen aller Art, ſowie der Folgen und Wirkungen letzterer. Die Welt⸗ geſchichte befaßt in ſich auch wohl die Kulturgeſchichte mit der Kirchen⸗, Literaturgeſchichte u. ſ. w. als ihren Unterabteilungen, ebenſo die Geſchichte der Philoſophie und aller anderen Wiſſenſchaften. Sie belehrt über viele Geſchehniſſe des menſchlichen Lebens. Die Folgen und Wirkungen der Handlungen und Beſtrebungen ſind das Gericht über dieſelben. Es iſt bekannt genug, welche Folgen die einzelnen Handlungen haben. Die Weltgeſchichte giebt Beiſviele genug. Jeder mag wählen. Ein jeder trägt aber auch ſelbſt die Verantwortung für ſeine Wahl. Wir ſollen außer der Weltgeſchichte die Philoſophie um Rat fragen. Wir ſollen durch realiſtiſche Forſchung im Anſchluß an dieſe Wiſſenſchaften uns ein Urteil über die beiden Lebensführungen