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Fthik des Hedichtes„Freigeiſterei der Leidenſchaft“ und diejenige des Hedichts„Reſignation“ im allgemeinen. Sophiſtik des ffekts.
Wir behandeln in dieſem Abſchnitt von der Ethik des Gedichtes„Reſignation“ nur ſoviel, als nötig iſt. um das, was aus den beiden Mannheimer Gedichten für die Beurteilung der ſittlichen Weltan⸗ ſchauung Schillers in gleicher Weiſe in Betracht kommt, unter einheitlichen Geſichtspunkten auseinander⸗ zuſetzen. Die auf Treue und Glauben von anderen angenommenen ethiſchen Theorien, welche Schiller in den erſten Proſaabhandlungen niedergelegt hat, ſollte er nunmehr erproben; es ſollte jetzt auf ethiſchem Gebiete ſeine Selbſttätigkeit hervortreten. Die aus einer Leidenſchaft, welche das Sittengeſetz verurteilt, entſtandenen ſchweren Konflikte zwiſchen dem Glückſeligkeitsdrang und der Pflicht des Gehorſams gegen das Sittengebot gaben dem Dichter erſt Gelegenheit, ethiſche Kraft und Erfahrung zu gewinnen. Um zu ver⸗ ſtehen, unter welchem Drucke Schiller ſtand, und welch harte Kämpfe er ungefähr zu der Zeit, in welcher er„Freigeiſterei der Leidenſchaft“ verfaßte, durchgemacht hat vergleiche man den Brief an Körner, in welchem die Stelle vorkommt:„In einer unnennbaren Bedrängnis des Herzens ſchreibe ich Ihnen.“
Zur Erläuterung der den Gedichten„Freigeiſterei der Leidenſchaft“ und„Reſignation“ zugrunde liegenden Situation darf vielleicht vergleichsweiſe die Szene zwiſchen Don Carlos und der Königin in Akt I, Sz. 5, herangezogen werden.
Unſere beiden Gedichte behandeln das Problem der äußeren Glückſeligkeit im Widerſtreite mit der Pflicht. Der Liebende macht in beiden Gedichten ſeinen Anſpruch auf Glück geltend, entſagt aber dem⸗ ſelben, wenn auch mit ſchwerem Herzen. Als Schiller in die erwähnten Schwierigkeiten kam, bewährte ſich die eudämoniſtiſche Lebensanſchauung nicht. Wenn er ſeine Glückſeligkeit hätte erreichen wollen, ſo hätte er ſich ſchwer gegen die Gebote der Sittenlehre vergangen. Er befand ſich in einer moraliſchen Kriſis. Bei der Löſung der ſchweren Aufgaben, welche ihm die Praris ſtellte, folgte er ſeinem Gefühle, ſeinem moraliſchen Inſtinkte, aber nicht der Lehre eines beſtimmten Weltweiſen. Erſt durch Verwertung der in den Kämpfen zwiſchen Leidenſchaft und Pflicht neugewonnenen inneren Erfahrung gewann er allmählich eine ſelbſtändige Ethik. Nicht durch Reflexion allein, alſo Vorſtellungen und Kombination ſolcher, nicht durch die theoretiſche Einprägung von ſittlichen Regeln allein läßt ſich die Fähigkeit zum ethiſchen Handeln ge⸗ winnen, es muß auch die Willenskraft geſtählt werden, die Kraft zur Selbſtverleugnung, welche man unter dem Zwange der in der Praxis hervortretenden ſittlichen Forderungen übt. Schiller wurde ein ſittlicher Charakter in der Not der Umſtände. Nun gewann er allmählich die Anſätze zu einer ſelbſtändigen be⸗ friedigenden ethiſchen Theorie. Ebenſowenig wie„Reſignation“ verteidigt„Freigeiſterei der Leidenſchaft“ eine frivole Lebensweiſe. Zwar ſtützt der Liebhaber ſein Recht auf die gleichſam metaphyſiſche Bedeutung wahrer Liebe. Er greift die herrſchende Moral, welche auch die Konvenienzehe für unverbrüchlich hält, an und verwirft die Entſagung. Er lehnt den Gott, der ſolche Entſagung fordert, ab. Dennach entſagt er unter dem Eindrnck der Situation— vor deiner Gottheit taumelte mein Blick zurück—. Er fühlt alſo die Macht des Gewiſſens, das allen Beweisgründen der Leidenſchaft und allem Glückſeligkeitsdrange zum Trotz ihn doch zur Selbſtverleugnung verpflichtet.
Das Gedicht gibt freilich keine befriedigende Löſung des in Betracht kommenden Problems, es ſchildert keine muſterhafte ethiſche Geſinnung und Anſchauungsweiſe; es ſchildert einen Affekt, den zu über⸗ winden eine Rieſenkraft erforderlich iſt. Der Liebende iſt an der Grenze des Möglichen angekommen. Die Leidenſchaft tut ſchon ſeinem unbefangenen moraliſchen Urteile Gewalt an. Der Ufefekt ergreift ihn wie ein Orkan und droht alle Gewiſſensbedenkeu wegzuräumen. Wo eben die Kraft zum Widerſtande fehlt, da hebt das durch die Notlage des Gemüts gefälſchte moraliſche Urteil entweder das Gefühl der Verpflichtung auf, oder wenn es dies nicht vermag, entſchuldigt es die Vernachläſſigung der Pflicht mit der menſchlichen Ohn⸗ macht, oder es macht ſonſt geltend, daß die herrſchende Moral der Beſonderheit der Verhältniſie nicht gerecht


