Aufsatz 
Die ethische Weltanschauung des jungen Schiller
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Nein, er ſtellt ſich an die Spitze von Räubern und ſetzt ſich mit ihnen über die Geſetze hinweg. Er ſteht weit unter Götz von Berlichingen, dem Selbſthelfer. Er gleicht in etwa jenen Unzufriedenen, welche in blinder Wut ihren Willen durchſetzen, die Verwirklichung ihrer Ideale durch rohe Gewalt erreichen wollen. Er will ſich zum Rächer der beleidigten Geſetze und der verletzten moraliſchen Ordnung in der Welt auf⸗ werfen. So will er ſeinen Bruder zur Rechenſchaft ziehen, welcher ſeine Schandtaten ungeſtraft begangen hat. Er will die Vergehungen anderer beſtrafen und begeht ſelbſt ſolche, indem er von Raub und Gewalt⸗ tat lebt und ſich an die Spitze von Räubern ſtellt, welche zuweilen gemeine Verbrechen ohne Not begehen.

Moor erkennt jedoch nnter Gewiſſensbiſſen am Ende ſeines Lebens, wie falſch ſeine Abſicht war, die Geſetze durch Geſetzloſigkeit aufrecht zu erhalten, und daß zwei Menſchen wie er den ganzen Bau der ſittlichen Welt zugrunde richten würden. Im Anfang des Dramas(I. Akt, 3 Sz.) ruft Moor aus: Mein Geiſt dürſtet nach Taten, mein Atem nach Freiheit. Welches iſt nun ſein Ideal von der Freiheit. Er hat noch keine klare Vorſtellung von der wahren Freiheit. Er will nur die Unfreiheit bekämpfen. Gegen die politiſche und ſoziale Unfreiheit lehnt er ſich auf. Er fühlt ſich, wie K. Fiſcher ſagt, alsSelbſthelfer in einer Welt fauler, heuchleriſcher Geſittung. Er will die Gerechtigkeit, welche in der bürgerlichen Geſell⸗ ſchaft verfälſcht iſt und in ihr Gegenteil verkehrt iſt, vollſtrecken.Wiedervergeltung iſt mein Handwerk, Rache mein Gewerbe. Trotz ſeiner Taten iſt er kein Held, ſondern nur ein erhabener Verbrecher. Er hat weder ſich noch andere freigemacht. Er hat zwar leidenſchaftlich ſeine perſönliche Freiheit erſtrebt, aber dabei überſehen, daß man dieſe oft nur auf Koſten der Freiheit anderer erreichen kann.*) Er ſchaut mit Reue auf ein verfehltes Leben zurück. Statt Bewunderung erntet er Schmach, ſtatt des Gefühls der Selbſtachtung hat er ein ſchuldbeladenes Gewiſſen Nur, wer ſich ſelbſt Geſetze giebt und die öffentlichen Geſetze hält. wer ſeinen Leidenſchaften Zügel anlegt, ſeinen Gedanken und Wünſchen ein Ziel ſetzt und überall Maß zu halten verſteht, nur der iſt wahrhaft frei, nur der kann die bürgerliche Ordnung ſtützen.

Das bürgerliche TrauerſpielKabale und Liebe iſt ein Proteſt gegen die Selbſtſucht der höheren Stände und ihre Rückſichtsloſigkeit den niederen Ständen gegenüber, ein Proteſt gegen die Standesvorrechte und Standesvorurteile der oberen Klaſſen. Die Verderbtheit der letzteren, ihre Intriguen werden ſchonungs⸗ los enthüllt und die Rechte des bürgerliſchen Standes energiſch verteidigt.

Die politiſch⸗ſoziale Auffaſſung der erſten Jugenddramen, wie überhaupt vielleicht die ethiſchen Anſichten der erſten Jugendwerke, ſind wohl teilweiſe durch Rouſſeaus Lehren beeinflußt.

Nach der Behandlung der Ethik derTheoſophie des Julius und desDon Carlos werden wir die politiſch⸗ſoziale Weltanſchauung Schillers ſeit der Abfaſſung desLiedes an die Freude im Zuſammen⸗ hang behandeln. Von Werken, welche nachKabale und Liebe und vor demLied an die Freude ver⸗ faßt worden ſind, kommt für die politiſch⸗ſoziale Weltauffaſſung Schillers noch die Vorleſung über die Schau⸗ bühne in Betracht. Wir werden das Wenige, daß die genannte Vorleſung über den Gegenſtand enthält, bei der Beſprechung derſelben iu dem folgenden HauptteilEthik der Mannheimer Zeit anführen.

*) Man vergleiche Bauch:Schiller und die Idee der Freiheit.