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Gedicht„Die Götter Griechenlands“. In der„Kindesmörderin“ behandelt er ein tief ethiſches Problem. An der Strafe, welche das Geſetz verhängt, darf die Tat, wenn ſie auch eine noch ſo große Verirrung dar⸗ ſtellt, nicht gemeſſen werden. Das Geſetz kann nur äußerlich ein Vergehen beſtrafen, wird aber nicht den tragiſchen Verwicklungen und verfängnisvollen Konflikten, welchen das menſchliche Herz unterliegt, gerecht.
Selbſt der Mord, der Kindesmord, beruht nicht notwendig auf moraliſcher Schlechtigkeit. Er iſt in unſerem Gedichte eine Kataſtrophe, die uns erſchüttern muß. Wir müſſen mit der Verbrecherin Mitleid haben, und können ihr im Herzen vergeben.
Die Sünde iſt zuweilen mehr Schwäche und Unglück als Boshaftigkeit. Dieſe Theorie darf man wohl aus dem Gedicht ableiten. Sie ſteht wohl derjenigen nahe, welche Schiller in der früheſten Vorrede zu den „Räubern“ angedeutet hat:„Dieſe unmoraliſchen Charaktere mußten von gewiſſen Seiten glänzen. Auch iſt, wie Harve lehrt, kein Menſch durchaus unvollkommen, auch der Laſterhafte hat noch viele Ideen, die richtig, viele Triebe, die gut ſind. Er iſt nur minder vollkommmen.
In der Vorleſung über die Schaubühne heißt es:„Die Liſte der Böſewichter nimmt immer mehr ab, diejenige der Narren immer mehr zu“. Auch ſagt Schiller darin, daß die Laſter die ver⸗ änderten Formen von Eigenſchaften ſeien, die wir belächeln und lieben. Die Theorie Garves ſcheint der Charakter des Despoten Philipps II. in Don Carlos zu beſtätigen. Dieſer König zeigt ſich menſchlich und gerecht gegenüber dem unglücklichen Admiral Medina Sidonia. Aber auch bei anderer Gelegenheit zeigt ſich der Charakter des Monarchen in günſtigerem Lichte. Ergreifend iſt ſein Gebet, die Vorſehung möge ihm einen Freund ſchenken, der Wahrheit für ihn habe. Er zeigt wahren Edelmut in ſeiner Nachſicht gegen Poſa, der ihm ſeine innerſten Gedanken geoffenbart hat. Er ſagt ihm, er wolle vergeſſen, daß er ſeine Anſichten erfahren, er ſolle aber die Inquiſition fliehen.„Aber flieht meine Inquiſition.— Es ſollte mir leid tun“ Ich will nicht Nero ſein... Nicht alle Glückſeligkeit ſoll unter mir verdorren. Ihr ſelbſt ſollet fortfahren dürfen, Menſch zu ſein.“ Er ſchenkt ihm ſein volles Vertrauen. Man verſteht es, daß er empört iſt, als er ſich von Poſa getäuſcht glaubt. Er meint, daß er von dieſem Dank verdient habe. Es iſt berechtigt, daß der Malteſerritter und der Prinz den Charakter des Königs nicht unbedingt verwerfen. Im III. Akte, 10. Auftr. ſagt Poſa:„.... Zu einem Nero und Buſiris wirft er Ihren Namen, und das ſchmerzt mich, denn Sie waren gut“. In Akt V, Sz. 3 hegt Don Carlos zu ſeinem Vater das Vertrauen, daß er ihm und Poſa verzeihen würde, wenn er erfahren habe, was der Freund für ſeinen Freund getan.„Glaube mir er iſt nicht ohne Menſchlichkeit, mein Vater....“ Man vergleiche Schillers Erklärung vom Laſter in „Tugend in ihren Folgen betr.“, S. 11, 33z. 32— 35.
Gemäß dem zweiten Teil des„Philoſophiſchen Geſprächs“ im„Geiſterſeher“ unterſcheiden ſich Tugend und Laſter durch ein Mehr oder Weniger an Tätigkeit. Der Laſterhafte iſt nur weniger vollkommen.
In den bisher behandelten Teilen unſerer Arbeit,(die wir mit A, 1 und A, 2 bezeichneten), haben wir geſehen, wie nach Schiller die Tugend im Univerſum wirkt, dann haben wir vornehmlich das Laſter, einige Fehler und Verirrungen der Menſchen, auch in engem Kreiſe, beobachtet. Im folgenden wollen wir Tugend und Laſter innerhalb des meiſt großen Kreiſes des politiſch⸗ſozialen Lebens betrachten.
3. Politiſch⸗ſoziale Weltanſchauung
In einigen Gedichten der Anthologie, in den Dramen„Die Räuber“ und„Kabale und Liebe“ zeigt ſich eine ſtarke Entrüſtung Schillers gegen die politiſchen und ſozialen Zuſtände ſeiner Zeit. Karl Moor erklärt ſeinem Jahrhundert, welches den Willen in Geſetze ſchnüren will, den Krieg.„Das Geſetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet Koloſſe aus“. Er iſt empört darüber, daß die Geſetze„Würfelſpiel“ geworden ſind. Hält er ſich nun ſelbſt an die Geſetze und ſucht die Ordnung zu ſtützen?


