Aufsatz 
Kritisches zu Ovids Metamorphosen nebst Proben einer Übersetzung des Werkes / von ... Suchier
Entstehung
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nen mochte, ſo verwandte ein ungeſchickter Abſchreiber die Worte des Dichters noch einmal zur Vervoll⸗ ſtändigung des Gedankens, indem er nur noch die Bezeichnung Abantiades, die er IV, 673, V, 138 u. 236 fand, hinzu ſetzte. So hieß es nun: C. h. I. Q. Ab.; q. pr. u. N. Lyncides cultusque habitusque locorum. Spätere nahmen an der unnöthigen Wiederholung Anſtoß und ſuchten der Rede einige Abwech⸗ ſelung zu geben, indem ſie den Ausdruck eultusque ete. an der zweiten Stelle veränderten ohne zu be⸗ denken, daß doch die Antwort dasſelbe betreffen mußte wie die Frage.

VII, 225:(Tempe) Despicit, et eretis regionibus applicat angues.

Einige codd. et certis, 1 creteis. Das handſchriftliche eretis läßt ſo wenig wie certis eine genü⸗ gende Erklärung zu; auch ereteis, das Heinſ. aufnahm in der Bedeutung von eretosis kreidig, kann nicht befriedigen; ſeine Behauptung, Theſſalien ſei reich an Kreide geweſen, entbehrt aller Begründung. Lenz et Crethei reg. und Bach et Cretheis reg. denken an Kretheus den Vater des Aſon und Erbauer von Jolkos; dieſer aber war doch gewiß nur König von Jolkos; ſchwerlich möchte nach ihm ganz Theſ⸗ ſalien benannt ſein und noch weniger die dasſelbe umſchließenden Gebirge, die hier, wie das Folgende zeigt, gemeint ſind. Bach bringt zudem noch einen proſodiſchen Fehler hinein, denn eis kann nicht contra⸗ hirt werden, nur eis, und auch Cenebreis, das er aus Trist. I, 10, 9 anführt, hat kurzes e als Abla⸗ tiv von Cenebreae. Burm. Oetaeis, mit welcher Conjectur ſich Gierig, Jahn u. Weber behalfen. Wenn als Beleg dazu die Gloſſe einer Handſchrift angeführt wird: lsti montes circumdant Thessaliam, ſo iſt dieſes grade ein Grund dagegen; denn Niemand wird ſagen, der Ota umgebe Theſſalien; überdies bezie⸗ hen ſich die Worte augenſcheinlich auf die gleich nachher genannten Berge(V. 224 u. 225). Jene Les⸗ art entfernt ſich nicht nur zu weit von den codd., ſondern hat auch das Bedenken gegen ſich, daß der Name zu bekannt war um von den Abſchreibern verunſtaltet zu werden. Allem Anſcheine nach deuten die Worte: eretis regionibus applicat angues auf das in den folgenden Verſen Erwähnte hin, ſie ſollen gleichſam darauf vorbereiten. Es kann daher in dem verdorbenen et eretis oder et certis nicht wol etwas Anderes geſucht werden, als was Gebirge bezeichnet. Zugleich muß es ein weniger üblicher Aus⸗ druck ſein, der den Abſchreibern nicht gleich einleuchtete. Ich leſe daher exsertis und verſtehe unter ex- sertis regionibus höherliegende und deshalb weit ſichtbare Gegenden ²⁰).

VIII, 721: Ostendit adhue Tyaneius illic Incola de gemino vicinos corpore truncos.

Die codd. bieten an dieſer Stelle lauter unverſtändliche Namen wie Cineius, Chineius, Fineius, Thi- neius und Thineyus, Tyaneius, Trineius, Tyreneus, Tirinthius, Tirinctius, eine berliner Handſchrift hineius mit der Gloſſe: lelex filius tinei. Die Ausgaben behelfen ſich mit Tyaneius, obwol Tyana gar nicht in Phrygien(V. 622) lag, ſondern in Kappadokien. Weſſeling ſchlägt vor Brianeius, Bothe Cybeleius oder Sigeius, nicht bloß, wie Bach bemerkt, zu bekannte Namen, ſondern auch zu weit von den handſchr. Lesarten entfernt. Die Stelle iſt mithin noch nicht enträthſelt. Offenbar muß der Name den Abſchreibern durchaus unbekannt geweſen ſein; woher ſonſt die vielen Abweichungen, die, wie leicht erſichtlich, theils aus dem Streben hervorgingen, einen bekannteren Namen an die Stelle zu ſetzen, theils aus Mißverſtändniß des überlieferten? Als ein ſolcher Name aber empfiehlt ſich Dinieins, eine Ver⸗

10) In der Bedeutungemporheben gebraucht der Dichter das Verbum exserere II, 271: aquis brackia exserere; IX, 57: exserui brachia u. XIII, 838: caput exsere ponto.

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